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Planet Techno

Astrologie und der Aufbruch in die digitale Zukunft

Der fliegende Klangteppich

 

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Christopher A. Weidner – Planet Techno Seite 1 von 9

© Christopher A. Weidner 2002

Christopher A. Weidner

Planet Techno

Astrologie und der Aufbruch in die digitale Zukunft

(1997)

„Fun ist ein Stahlbad.“

Theodor Adorno

Der fliegende Klangteppich

Freitagabend, irgendwann Anfang der 90er unseres ausklingenden Jahrhunderts, irgendwo in einer

deutschen Großstadt: Margot L. (22), kaufmännische Angestellte, schlüpft in ihren Plastik-Mini und

das knallenge Gummitop in Neon-Batik. Wenig später verschwindet sie in den Trockeneis-

Nebelschwaden eines Techno-Tempels, zwischen subsonischen Bässen und giftigen Höhen einer

Musik, die wie „zäher Sirup aus allen Ritzen“ zu dringen scheint und deren Urheber irgendwo im

Halbverborgenen hinter riesigen 100 000 Watt Anlagen thronen. Sabine K. ist nicht allein. Die Woge

hunderter Gleichgesinnter hat sie sofort erfasst, und zum Rhythmus der gewaltigen Bässe zuckt die

Masse der Körper durch den Raum, dessen Grenzen sich im kaleidoskopartigen Lichtgewitter längst

aufgelöst haben. Von diesem Zeitpunkt an hat Sabine K. ihr wichtigstes Alltagsgut verloren: ihre

Individualität …

Wer zum letzten Mal in den 80er-Jahren eine Diskothek von innen gesehen und sich nichts ahnend

auf einen Rave der 90er verirrt hat, wird schnell merken, dass sich die Zeiten ganz erheblich

gewandelt haben. Die Musik gleicht einem massiven Übergriff auf den Körper, es gibt keine

eigentliche Tanzfläche mehr, in dem einst „die streng kodifizierte körperliche Annäherung zwischen

den Geschlechtern vonstatten ging.“

„Rave“, das heißt „toben“: Wie es scheint, der beste Ausdruck für diese Form des

Wochenendvergnügens, das die Ära von Saturday-Night-Fever abgelöst hat. In Lagerhallen, Kellern,

alten Fabrikgebäuden – früher Räume der Tagwelt – oder einfach im Freien auf den Straßen oder

irgendwo in der Pampa auf dem Land: „Geraved“ wird überall, ohne Regeln, ohne Ziel bis in den

nächsten Tag und die nächste Nacht hinein.

Vergeblich suchen wir eine sinnvolle Botschaft in den Klangströmen, es gibt nichts, worauf wir

ernsthaft unseren Intellekt richten könnten, um die Sinneseindrücke, die uns hier mit aller Macht

umspülen, zu analysieren. So wird klar, dass nicht die Musik im Mittelpunkt eines Raves steht, sie ist

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© Christopher A. Weidner 2002

lediglich ein Mittel, „der fliegende Teppich, die Welle, die alle mitnimmt, die mitwollen auf die Reise ins

Wunderland. … Techno ist ein Transportmittel und der DJ dessen Fahrer.“1

Das Ende der Berührungsfurcht

„Wer mitwill, muss auf den fliegenden Klangteppich aufspringen, sich mit einem kraftvollen Schritt von

der Alltagswelt abstoßen und mittragen lassen. … Wohin aber führt die Reise? Führt sie überhaupt

irgendwohin? … Viel eher ist es so, dass die Reise an sich das Erlebnis, das Ersehnte und Gesuchte

ist. Die Regeln der Alltagswelt, ihre Strukturen sind aufgehoben; das macht Rave um Rave zu einem

befreienden Erlebnis, das nach Wiederholung verlangt.“

Die Nacht des Rave gehört dem Regellosem, denn im Alltag ersticken wir an den Normen einer

Gesellschaft, die uns auf Funktionstüchtigkeit programmiert hat. Leistung, das Beste geben, und dabei

immer besser sein als der andere: das Ego-Bewusstsein ist bis zum Erbrechen gefüttert – und droht

daran zu ersticken. „Die Freiheit jeder tieferen Bewegung von einem zum anderen ist unterbunden.

Regungen und Gegenregungen versickern wie in einer Wüste. Keiner kann in die Nähe, keiner in die

Höhe des anderen“, um es mit den Worten von Elias Canetti auszudrücken. Die „Berührungsfurcht“

hat in der heutigen Gesellschaft ein Maximum erreicht – und die Menschen sehnen sich nach einer

Befreiung von ihr. Doch:

„Nur alle zusammen können sich von ihren Distanzen befreien. Genau das ist es, was in der Masse

geschieht. In der Entladung werden die Trennungen abgeworfen und alle fühlen sich gleich. …

Ungeheuer ist die Erleichterung darüber. Um dieses glücklichen Augenblickes willen, da keiner mehr,

keiner besser als der andere ist, werden die Menschen zur Masse.“ „Wer immer einen bedrängt, ist

das Gleiche wie man selbst. Man spürt ihn, wie man sich selbst spürt. Es geht dann alles wie

innerhalb eines Körpers vor sich.“2

Die Masse im Rausch elektronischer Ästhetik, angetrieben von der Sehnsucht nach Freiheit zu neuen

Wertmaßstäben – sie macht Techno zu mehr als nur einer neuen Musikrichtung. Wir haben es hier

möglicherweise mit der Geburt einer neuen zivilisatorischen Kraft zu tun in einer Generation, die aus

den Wurzeln der Multimedia-Gesellschaft hervorgegangen ist und gelernt hat, ihren Vorstellungen

durch die Verwendung von Technologie „entgegen der Gebrauchsanweisungen“ Ausdruck zu

verleihen.

„Techno kommt von Technologie. Technik wurde immer eingesetzt, um schneller zum Ziel zu

kommen und sich dem zu widmen, was die Essenz ist. … Wir leben hier und heute, und deswegen

interessieren wir uns für den aktuellen Stand der Technologien und dafür, die Mittel der Gegenwart für

uns zu nutzen, um glücklich zu werden.“

Hightech als Ticket ins Reich dionysischer Freuden? Eins steht fest: In der Techno-Generation

manifestiert sich ein Zeitgeist, der sich in wesentlichen Punkten konträr zu den vorangegangenen

Generationen verhält: Freude statt Frust, ungebremster Höhenflug in den ego-freien Cyberspace statt

larmoyantes Herumkriechen in den Labyrinthen der eigenen Persönlichkeit, Schmetterling statt

Raupe.

1Anmerkung: Alle Zitate, die nicht gesondert ausgewiesen sind, sind dem Buch „Techno“ (Hrsg. Walder,

Patrick/Anz, Philipp) entnommen, das eine Reihe von Aufsätzen zu diesem Thema vereint.

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© Christopher A. Weidner 2002

Als AstrologInnen müssen wir uns jedoch fragen: Welche „Message“, welches Menschenbild wird uns

da angeboten, wieso kulminiert eine kulturelle Bewegung gerade jetzt in der hedonistischen

Umarmung von Mensch und Maschine – ehedem absolut unvereinbare Pole in den apokalyptischen

Visionen? Wie kam es dazu? Und: Was fangen wir damit an?

MenschMaschine

Kraftwerk, die „Godfathers of Techno“, wie sie heute gerne in der Szene genannt werden, schufen

Mitte der 70er als Erste das Image von der „Mensch-Maschine“, konzeptualisierten sich als Arbeiter

an der Maschine und ihre Musik als „industrielle Volksmusik“. Der Mensch sollte eine Symbiose mit

der Elektronik eingehen, um die Neuronenbahnen seines Gehirns um die Schaltkreise der Computer

bis ins Unendliche zu erweitern. Diese innovative Gruppe blieb stets ein künstlerisch exotischer

Kontrapunkt zu den Idealen ihrer Zeit, die eher technologiefeindlich, sich rückbesinnend auf die

natürlichen Ursprünge des Menschen daherkam.

Die 80er-Jahre revitalisierten diese Gehversuche des Synthesizers und der Drum-Maschinen und

schufen die weniger sterile, schnellere und lautere Variante: Techno.

Tatsächlich liegt der eigentliche Ursprung von Techno in Detroit, der einstigen „Motown“ der USA, wo

jetzt zwischen verlassenen Fabrikhallen und rostender Maschinerie arbeitslose schwarze Kids dem

Alltag voll Gewalt und Rassendiskrimierung mit dem Basteln eigener Tracks zu entfliehen versuchten.

Sie schufen wohl die Ersten wirklichen Technoscheiben aus einer Synthese von weißer Elektronik à la

Kraftwerk und schwarzem Funk. Wo Mensch und Maschine einst Autos vom Fließband produzierten,

schlossen sie erneut Freundschaft – in einer neuen Art von Musik.

Die 80er-Jahre neigten sich ihrem Ende zu, eine „Zeit des Umdenkens, Neudefinierens,

Weiterdenkens, Aufbrechens und Verschiebens von Grenzen aller Art“3:

„Die Welt hatte sich grundlegend verändert, Politik war nicht mehr, was sie einmal war, am Golf übte

der Westen den digitalen Krieg, während zu Hause die Kids ihre Zeit mit Video, Home-PC und

Gameboy totschlugen. In diesen Bruch, in diese Orientierungslosigkeit – von Cyberspace und

Datenhighways, globaler Kommunikation und Hyperspeed – krachte Techno und wurde zum neuen

Massenphänomen, zur „one nation under one groove“ neben all den von Nationalismus entfesselten

Staaten.“

Love, Peace & Unity

1989, das Jahr der ersten „Loveparade“ in Berlin, gilt als das Geburtsjahr des Techno. Aus der Hand

voll exaltierter Typen ist heute das Mega-Event geworden, zu dem jährlich hunderttausende aus aller

Welt strömen, um zu synthetischen Klängen und Rhythmen „Love, Peace and Unity“ zu feiern –

bewusste Anspielungen an die Make-Love-Not-War-Ära der 60er und 70er-Jahre. Aber diese Masse

will im Gegensatz dazu nicht als Rebellion gegen irgendwas verstanden werden, sie sieht sich als

Keimzelle der Vollstreckung dieser Ideale. In der Raver-Gesellschaft, der „community“, gibt es nach

2Canetti, Elias, Masse und Macht. S.13

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© Christopher A. Weidner 2002

eigenen Aussagen weder Rassismus, noch Sexismus, noch irgendeine andere Form von

Diskriminierung.

Zwischen den Hippies und den Techno-Kids, zwischen Woodstock und Loveparade liegen etwa

zwanzig Jahre, die das Gesicht dieser Welt in entscheidendem Ausmaß verändert haben.

Astrologisch gesehen entspricht dieser Zeitraum den etwa zwanzig Jahren, die Uranus benötigte, um

den dritten Quadranten des Tierkreises, Waage, Skorpion und Schütze umfassend, zu passieren, bis

er 1988 in den Steinbock eintrat.

Das Bewußtsein der Generationen

Die astrologischen Konzepte über die Prinzipien des Planeten Uranus haben sich im Wesentlichen auf

seine Rolle als inspirative Kraft zur Veränderung bestehender Umstände konzentriert, mag sich dies

nun in Anarchie und Revolution oder Exzentrizität äußern, allgemeiner also stellt er eine

Herausforderung dar, angesichts derer man „die Mittel suchen [muss], die dem Leben einen neuen

Zweck, eine neue Richtung und eine neue Bedeutung geben.“4

Uranus ist auf kollektiver Ebene eine generationsbildende Kraft, denn wir erkennen eine neue

Generation gerade daran, inwieweit sie von der Norm abweichendes Bewusstseinspotenzial in sich

trägt, d.h. inwieweit sie in der Lage ist, überkommene Lebensstrukturen infrage zu stellen und ihnen

eine neue Richtung zu verleihen – wenn die Zeit dafür reif ist, denn:

„Jeder Mensch lebt in einem bestimmten Kulturmodell und interpretiert die Erfahrung von den

Assimilationsschemata her, die er erworben hat: die Stabilität dieser Schemata ist wesentlich,

damit er sich in vernünftiger Weise inmitten der ständigen Provokationen der Umgebung bewegen und

die Stimuli der äußeren Ereignisse in einer Gesamtheit organischer Erfahrungen organisieren kann.

Die Erhaltung des Gesamtkomplexes unserer Assimilationsschemata und seine Bewahrung vor

ungerechtfertigten Veränderungen gehört zu den Bedingungen unserer Existenz als vernünftige

Wesen.“5

Uranus ist Ausdruck dieses Modells, welches die Informationen, die auf eine Kultur einströmen,

organisiert und strukturiert. Zugleich beugt er jedoch auch der Gefahr vor, dass Wertvorstellungen, die

in der Welt von Gestern noch geeignete Maßstäbe zur Bewältigung des Alltags darstellten, in ein

Heute übernommen werden, in welchem sie kontraproduktiv, d.h. unadäquat zur sinnvollen

Interpretation der Umstände einer Kultur wirken.

Uranus gibt uns Aufschluss darüber, welchen Auftrag eine neue Generation zu leben, welches

Generationsbewusstsein sie zu konkretisieren hat. Entscheidend ist dabei seine Wanderung durch

den Zyklus des Tierkreises, wobei er in Abständen von 21 Jahren ein kardinales Zeichen erreicht, in

dem sich die Chance zur Entwicklung neuer Ziele für eine Kultur ergibt – entsprechend der Thematik,

die der Quadrant anklingen lässt. In diesem Sinne würden wir beim Durchqueren der fixen und labilen

Zeichen weniger von neuen Generationen sprechen, sondern von neuen Aufgaben, die sich innerhalb

3Thomsen, Christian W. (Hrsg.), Aufbruch in die Neunziger. S.446

4Ruperti, Alexander, Kosmische Zyklen. S.236

5Eco, Umberto, Das offene Kunstwerk. S.145f

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dieser Thematik stellen. Wir könnten auch sagen: die in den kardinalen Zeichen ausgesetzte Saat

benötigt ca. 21 Jahre, um sich von der Blüte zur Frucht zu entwickeln. Zugleich wird deutlich, dass wir

den Begriff „Generation“ gewissermaßen neu denken müssen: Eine Generation ist nicht mehr nur das

passive „Erzeugnis“ oder Produkt der vorangehenden Generation, sondern vielmehr ein aktiver

Prozess, der in die Hände einer großen Gruppe von Menschen gelegt wird, die ein bestimmtes Alter

erreicht haben.

Menschen, die ihren Uranus in einem kardinalen Zeichen bei der Geburt haben, erleben den Übertritt

dieses Planeten in das nächste kardinale Zeichen etwa im Alter von 21 Jahren als Quadratstellung zur

Radixposition.

Das erste Quadrat des Uranus könnte man als das Erwachen einer inneren Spannungssituation

beschreiben, die eine kreative Herausforderung mit den kulturellen Leitmotiven der Generation, die

man sozusagen in die Wiege gelegt bekommen hat, heraufbeschwört. Damit ist über die

Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in der Gesellschaft die Manifestation einer neuen

Generation erst möglich.

Die Menschen, welche die Entwicklung von Techno zu einem generationstypischen Phänomen

provozierten, befanden sich in ungefähr diesem Alter, als 1988 Uranus in den Steinbock eintrat. Damit

befindet sich in ihren Radices Uranus Anfang Waage, was bedeutet, dass die Inhalte dieser

Konstellation und der damit verbundenen Zeitphase kulturell konstituierende Funktion übernahmen –

so erklärt sich, warum die Slogans der Hippie-Ära in ihnen zu einer neuen Manifestation drängen,

wenn auch in einem völlig gegensätzlichen Gewand.

Die Saat geht auf …

Mit dem Eintritt in die Waage stellte Uranus die damalige Generation vor die Herausforderung, neue

Wege in Bezug auf die Gestaltung des zwischenmenschlichen Lebens und kultureller Werte zu

begehen.

Diese damals aufkeimenden neuen Ideale durchliefen und durchlitten drei Phasen, die Uranus durch

die Waage, den Skorpion und den Schützen führten.6

Waage-Phase (1968 - 1974)

Einen fulminanten Einstieg in diese Phase deuteten die Studentenunruhen des Jahres 1968 an,

zugleich Ausklang der vorangegangenen Jungfrau-Phase, in der das Generationsbewusstsein auf

Kritikfähigkeit gepolt worden war, d.h. auf die Notwendigkeit, die etablierten Rollen, in die einen die

Gesellschaft verpflichtet hatte, zu überprüfen. Die Expansionslust der Löwe-Phase wurde in der

Jungfrau-Phase als Gefahr von Übertreibung und SelbstüberschaÅNtzung erkannt, unter denen das

menschliche Miteinander zu leiden hatte.

6Bei den nun folgenden Ausführungen habe ich mich in der Hauptsache von den Tierkreis-Beschreibungen Dane

Rudhyars in „Die astrologischen Zeichen“ inspirieren lassen.

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Die Hippie-Bewegung wurde vom Vorboten zum Protagonisten neuer zwischenmenschlicher Ideale,

die auf Freizügigkeit und Gewaltverzicht aufbauten. Flower-Power bedeutete nicht zuletzt, dass eine

Chance zur Wandlung in der Welt vom Selbst-Bewusstsein des Einzelnen abhing und wie er seine

Beziehungen zur Umwelt gestaltet.

Neue Lebensformen standen zur Debatte – ob sie nun friedlich vorgelebt wurden oder gewaltsam

durchgesetzt werden sollten, wie der aufkeimende Terrorismus oder die Ereignisse um den Prager

Frühling zeigten. Die Vision des Individuums als Teil eines größeren Ganzen, welches zum Aufbruch

zu neuen sozialen Perspektiven aufgefordert wurde, führte so auf der einen Seite zum Auftrieb für

neue gesellschaftsbildende Kräfte, auf der anderen zur Selbstaufopferung mit der Gefahr, an der

Wirklichkeit vorbeizuleben.

Skorpion-Phase (1974 - 1981)

Die Skorpion-Phase wurde eingeläutet durch die erste große Energiekrise in der Geschichte der

industrialisierten Welt, wodurch die Abhängigkeit der einzelnen Nationen voneinander in extremen

Maßen deutlich wurde. Zugleich wurde das Generationsbewusstsein dahingehend geschult, dass die

Konzentration von Macht in den Händen einzelner eine neue Form von Bedrohung darstellen würde,

gegen die man sich am besten zu organisieren habe. Dies führte auf der einen Seite zur Verschärfung

des Terrorismus, auf der anderen Seite zur Etablierung der alternativen Bewegungen in die politische

Landschaft, wie z.B. durch die Gründung der GRÜNEN.

Die Ideale, für die man gekämpft hatte, stießen jedoch fortan auf eine schier unüberwindliche Kraft,

welche von den multinationalen Verflechtungen der Macht ausging, für die wirtschaftliche Interessen

weit wichtiger wurden als die Vision einer besseren Zukunft für die Menschheit. Skandale wie

Watergate oder Umweltkatastrophen bislang ungekannten Ausmaßes wie der Harrisburg-Unfall ließen

die Euphorie der Hippie-Ideale in Groll und Frustration über „die da oben“ umschlagen. „No Future“ –

diese Parole schrieb sich die Punk-Bewegung des vom Thatcherismus gebeutelten England Ende der

70er auf die Fahnen, während im nicht mehr zu bremsenden Wettrüsten der Supermächte die Uhren

auf „fünf vor zwölf“ gestellt wurden.

Schütze-Phase (1981 - 1988)

Die 80er-Jahre brachten den eigentlichen Einstieg in die Mediengesellschaft. Als Uranus in den

Schützen eintrat, begann „das Ferne über das Nahe“ im Generationsbewusstsein zu dominieren. Der

Computer – noch in den 70er-Jahren ein monströses „Elektronengehirn“ an der Peripherie des

öffentlichen Bewusstseins, eroberte die Schreibtische der Büros und später der heimischen Sphären.

Der PC erregte die Gemüter der rasch expandierenden alternativen Bewegungen, die in ihm ein

Herrschaftsinstrument und eine Überwachungsmaschine sahen. Doch die Realitäten hatten sich zu

Gunsten der technologischen Entwicklung verschoben: Während die erwachsene Schicht der

Bevölkerung den „Geist aus der Wunderlampe“, der genau die Befehle ausführte, die man ihm eingab,

mit kritischem Blick beäugte, bemächtigte sich die Jugend dieses neuen „Spielzeugs“ – und wuchs

heran zur Spezies der Computerfreaks. Die globale Vernetzung der Datenbanken, und damit die

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Schaffung eines auf der Basis von übergeordneten Verbindungen funktionierenden Systems war nicht

mehr aufzuhalten. Nicht mehr die Technologie als solche konnte infrage gestellt werden, sondern die

Art der Ziele, der sie zur Verfügung gestellt würde. Chancen und Gefahren des Fortschrittes lagen

dicht beieinander: Auf der einen Seite erfüllte sich ungeahnt die Vision eines die Grenzen

sprengenden Netzwerkes, andererseits wuchs die Angst vor dem „gläsernen Menschen“, dessen

Individualität den Strategen der Macht, denen über die neuen Medien fast grenzenlose

Einflussmöglichkeiten zur Verfügung standen, zum Opfer fallen müsste.

Steinbock-Phase (1988 - 1995)

1988: Uranus erreichte den Steinbock. Wenig später fiel die Mauer, die Massen kämpften sich frei von

dem Übergewicht des Staates, alte Bezugssysteme wurden infrage gestellt. Es war Tatsache

geworden, dass unser Leben durch Technologien kontrolliert wird: Fernsehen, Computer und

Datenerfassung bestimmen unseren Alltag und steuern die öffentliche Meinung. Zugleich etablierte

sich aber eine neue Generation, die nicht mehr länger an dem alten Klischee hängen bleiben wollte,

dass Individualität und Technologie Feinde seien. Stattdessen beschloss sie auf Grund der

inzwischen gewonnenen Vertrautheit, Technologie anders einzusetzen: Hedonistisch und lustorientiert

vernetzte man sich mit den Schaltkreisen der Computer, um „die engen Fesseln des alten Entwurfs

vom Menschen hinter sich zu lassen und mithilfe von Hightech eine neue Souveränität des Menschen

auf einem neuen Level zu erkämpfen.“ Die Angst der Älteren vor der „Invasion der Chips und Kabel

ins übersichtlich arrangierte Leben“ wurde als Unsicherheit vor den neuen Formen menschlicher

Kultur interpretiert – und akzeptiert, in einer Zeit, in der jeglicher Glaube an beständige Werte obsolet

geworden ist. Nicht mehr Flucht vor, sondern Flucht in die Wirklichkeit!

Während also die Weltreiche zerbrachen und Staatsformen das Zeitliche segneten, keimte in den

Herzen dieser Generation die Vision einer vereinigten Menschheit wieder auf, die man

zwischenzeitlich unter der Last der Umstände als verloren erachtet hatte.

Mit seinem Eintritt in den Steinbock hat Uranus seinen tiefsten Punkt überm Horizont verlassen und

das Interesse der Generationen richtet sich nicht mehr auf die Umstrukturierung von Beziehungen,

sondern auf die Einpflanzung der ursprünglichen Ideale der Waage-Phase in das Bewusstsein des

Kollektiven, der Massen. 90° von seinem Ausgangspunkt entfernt, soll „Love, Peace and Unity“ wieder

Realität werden – doch auf einem Weg, der auf den Kampf gegen die Produkte unserer

Konsumgesellschaft und der Technokratie verzichtet, sondern sie einfach verschluckt, um aus dem

alten Erzfeind ein Space Shuttle in eine bessere Zukunft zu bauen.

Space Shuttle ins Wunderland

Die Zunahme der Berührungsfurcht vor dem Fremden und Neuen im Laufe der Reise von Uranus

durch den dritten Quadranten des Tierkreises, hatte dazu geführt, dass sich am Ende dieser Periode

ein folgenschwerer Individualismus breit gemacht hatte, der zwar anfänglich dem Einzelnen mehr

Bewusstsein über seine Rolle als Teil des Ganzen vermittelte, doch zuletzt in eine unglaubliche

Belastung ausartete. Die 90er-Jahre brachten das Ende dieser Entwicklungen, als man gesehen

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hatte, wie mächtig der Zusammenschluss von Individuen sein konnte, die sich darüber verständigt

hatten, was ihnen ungeachtet aller persönlicher Unterschiede gemeinsam war. Eine neues

Bewusstsein des Kollektiven war erwacht: In und mit den Massen – so begriff man – lag die Chance,

vom Ellenbogen-Trip der egozentrierten Gesellschaft herunterzukommen.

Techno vermittelt dieses Lebensgefühl mit seiner elektronischen Ästhetik:

„Struktur, Klang und Konsistenz [sind] die Schlüsselelemente elektronischer Musik. Es geht nicht um

die Melodie. Ich denke, im Techno gibt es ganz bestimmte Klänge und Konsistenzen, die auf alle

Leute in gleicher Weise wirken. Das ist ein psychoakustischer Effekt.“

Die Bewusstseinszustände, die ein Bad in hämmernden Beats und artifizieller Geräuschkulisse auf

einem Rave verursachen kann – und hierzu sind nicht unbedingt chemische Hilfsmittel nötig, wie die

bezeichnenderweise „Ecstasy“ getaufte Droge suggerieren mag – führen zu einem raschen Sprengen

der Ego-Grenzen, zu nahezu mystischen Zuständen.

„Die Raves scheinen etwas anzusprechen, was einem menschlichen Urbedürfnis … entspricht:

Geborgenheit, das Gemeinschaftsgefühl treten der Vereinzelung entgegen und können heute

nirgendwo friedlicher und ausgiebiger genossen werden. … Das enorme Manko an sinnlichen

Erfahrungen, an Eins-zu-Eins-Erlebnissen, lässt Scharen zu den Tempeln pilgern, so wie frühere

Generationen Sonntag für Sonntag zu den Kirchen gepilgert sind. Doch statt in Stille zu verharren und

einer Predigt zu lauschen, die von einer anderen Welt erzählt, tanzen sich die Kids an jenseitige

Bewusstseinssphären heran.“

So wie sich die Technoten aus der Fundkiste musikalischer Geschichte bedienen, tauchen in

Zusammenhang mit ihrer Kulturtechnik metaphysische Versatzstücke auf, die sie in spielerisch und

manchmal gedankenlos zu einem esoterischen Weltbild zusammenbasteln, ohne jedoch einen

spirituellen Kanon aufzustellen. Da werden die Indianer und Eingeborenen zu „Dance-Kollegen“,

deren „altbewährte Formel: Rhythmus + Wiederholung (heutzutage + Lautstärke) = Trance“ Techno zu

einer Art digitalem Schamanismus transformiert, da schmücken Buddhas und magische Symbole CDCover

und Musiktempel und vielerorts feiert man Techno als eine Art Steinzeit-Revival, als „gathering

of tribes“ im postapokalyptischen Mad-Max-Stil in „höhlen und hallen mit stroboskopen und

nebelmaschienen, voll geschmiert mit analogen wandbildern“.

Die durchschnittliche Esoterik unserer Tage, wie die alternativen Bewegungen hervorgegangen aus

der Rückbesinnung des Individuums auf sich selbst, mag angesichts dieses unkultivierten Umgangs

mit ihren Lieblingsdogmen erschauern. Esoterik – und dazu zählt auch die Entwicklung der modernen

Astrologie – wurde bis dato stets als ein Phänomen abseits des Massenzugriffs verstanden,

zumindest in diese Richtung stilisiert: Der spirituelle Sucher als Rufer in der Einsamkeit, der sich,

gebeugt über die Hieroglyphen seiner Radix, auf die Spurensuche seiner ganz individuellen und

natürlich einzigartigen Rolle im Kosmos gemacht hat. Vielleicht macht sich in diesem Bereich die

Berührungsfurcht noch immer deutlich bemerkbar, wenn wir beobachten, wie jeder und jede ganz für

sich sein Seelenheil nach bester Manier des Psychobooms der 70er und 80er-Jahre im Labyrinth

ätherischer Weisheiten oder gar im Teufelskreis sektiererischer Umtriebe zu finden sucht.

Wie strittig auch die Konzepte der Techno-Generation sind, sie scheuen sich nicht in der Wirklichkeit

aufzugehen, möglicherweise in einer höheren:

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„Singend und tanzend äußert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinschaft: er hat das

Gehen und das Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen. … Als

Gott fühlt er sich, er selbst wandelt jetzt so verzückt und erhoben, wie er die Götter im Traume

wandeln sah. Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist Kunstwerk geworden.“

Sollte Nietzsches dionysische Vision in unserer Zeit eine ungeahnte Manifestationsmöglichkeit

erfahren haben? Lebt hier nicht eine wesentlich hedonistischere Variante vom „Age of Aquarius“ auf,

als die teilweise zu reinem Eskapismus verformte und in spirituellen Dogmen erstarrte Eso-Szene?

Eins steht fest: Wir stehen erst am Anfang einer neuen Entwicklung, die wir in jedem Fall im Auge

behalten sollten. 1995 wechselte Uranus in den Wassermann – und schon haben sich die

Machtstrategen darauf konzentriert, aus den Keimen einer neuen gesellschaftsbildenden Kraft Kapital

zu schlagen und so gleichzeitig die Kontrolle wiederzugewinnen. Das Generationsbewusstsein steht

vor der Wahl, entweder „neuen Wein in alte Flaschen zu füllen oder die alten Flaschen zu

zerschlagen“7. Techno hat jedoch bis heute die Kraft beibehalten, für jede Abzweigung zurück in die

Wertvorstellungen der Berührungsfurcht, wie die plötzliche Etablierung eines DJ-Starkultes oder die

Ausnützung technotypischer Elemente zu Werbezwecken, eine neue Tür zu öffnen, die weiterhin in

die zu Beginn dieser Ära gezeigte Richtung weist. Der Space-Shuttle ist erst gestartet – wohin? Die

Zeit wird es zeigen.

7Rudhyar, Dane, Die astrologischen Zeichen. S.126


 

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