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PDF* Das Haus der aufgehenden Sonne

Das Haus der aufgehenden Sonne

„Schwimmen, ohne zu ertrinken”

 

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Christopher A. Weidner – Das Haus der aufgehenden Sonne Seite 1 von 10

© Christopher A. Weidner 2002

Christopher A. Weidner

Das Haus der aufgehenden Sonne

Da flammts im Osten auf - o Morgenglut!

Sie steigt, sie steigt, und mit dem ersten Strale

Strömt Wald und Haide vor Gesangesflut,

Das Leben quillt aus schäumendem Pokale,

Es klirrt die Sense, flattert Falkenbrut,

Im nahen Forste schmettern Jagdsignale,

Und wie ein Gletscher, sinkt der Träume Land

Zerrinnend in des Horizontes Brand.1

Annette von Droste-Hülshoff

„Schwimmen, ohne zu ertrinken”

Das zwölfte Haus – es gilt als einer der geheimnisvollsten und seinem Wesen nach unergründlichsten

Orte im Horoskop. Mancher möchte ihm entnehmen, „welche Haltung jemand dem eigenen tiefsten

Inneren gegenüber hat, dem meist verborgenen Geheimnis des eigenen Unbewussten“2, andere

erleben dort den „Prozess der Auflösung des individuellen Ichs und des Aufgehens in etwas

Größerem, aber nicht durch den Verstand oder den Intellekt …, sondern mit Herz und Seele“3 und

nicht selten wird es auch als „Weg für mystische Inspiration“ gehalten, auf welchem der Mensch „für

Inhalte höherer Bewusstseinsebenen empfänglich und bereit“4 sei. Dies nur ein kleiner Ausschnitt aus

dem Panoptikum der Inhalte des letzten Hauses im Häuserkreis, und doch wird deutlich, dass es hier

in erster Linie um etwas Höheres, Größeres geht, in welches der Mensch qua Geburt eingebettet zu

sein scheint. Je nach Blickwinkel sieht man das kollektive Unbewusste, Karma oder das Göttliche und

Numinose im zwölften Haus walten, spürt das „Heimweh nach dem Göttlichen“, während nüchternere

Zeitgenossen darin lieber eine „übergeordnete Ganzheit“ sehen möchten, einen Organismus, in

welchen der Mensch wie ein Organ eingebettet ist und von dem er „Botschaften“ erhält, „sich auf eine

bestimmte Weise zu verhalten“5, oder finden in ihm eine soziale Perspektive, den „Druck der

Gesellschaft auf den Einzelnen“6 beispielsweise.

1 Aus: Annette von Droste-Hülshoff „Durchwachte Nacht“. In Winfried Woesler: Historisch-kritische Ausgabe, Bd.

I,1. Max Niemeyer Verlag: 1985, S. 351-353

2 Boot, Martin: Das Horoskop. München 1988. S. 430

3 Sasportas, Howard: Astrologische Häuser und Aszendenten. München 1987. S. 133

4 Sakoian/Acker: Das große Lehrbuch der Astrologie. München 1997. S. 114

5 Niehenke, Peter: Astrologie. Stuttgart 1994. S. 184

6 Rudhyar, Dane: Das astrologische Häusersystem. Reinbek 1992. S. 149.

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© Christopher A. Weidner 2002

Immer aber scheint das Anliegen des zwölften Hauses zu sein, uns mit Bereichen des Lebens in

Berührung zu bringen, die über die Persönlichkeit des Einzelnen hinausgehen. In nahezu allen

Deutungen sind wir nicht Protagonisten unseres Lebens, sondern Empfänger von Impulsen aus

Bereichen, über die wir keine Kontrolle haben. Am deutlichsten wird diese Sichtweise in der

Vorstellung, dass sich im zwölften Haus „Muster, Triebe und Zwänge, die unterhalb der

Bewusstseinsebene wirken“7 oder sogar ihre Ursache im vorgeburtlichen Seelenzustand während der

Schwangerschaft haben sollen, manifestieren. Früher nannte man das zwölfte Haus das Haus der

„geheimen Feinde“ und auch heute noch tauchen sie im Gewande der „inneren Feinden“ in den

Horoskopdeutungen auf, welche nichts anderes sind als „Charakterschwächen, verdrängte Komplexe,

die die Entwicklung hemmen“8.

Dem zwölften Haus, so scheint es, sind wir auf eine mysteriöse Art und Weise ausgeliefert und aller

Entscheidungsfreiheit beraubt: es umfasst Gesetze und Strukturen, die hinter den Erscheinungen

wirken und die deshalb größer sind als wir. Wie auf einem unendlichen Ozean treibt das Individuum

wie der Spielball höherer Mächte auf den Wellen, und alles, was ihm bleibt ist der Versuch, „im

Wasser des zwölften Hauses zu schwimmen, ohne in ihm zu ertrinken.“9

„Alle unerwünschten Dinge“

Neben diesen eher verschwommenen Bedeutungen gibt es eine weitere Assoziation, die wir

durchgängig in der einschlägigen Literatur finden und die ziemlich düster ausfällt: das zwölfte Haus als

Ort „aller unerwünschter Dinge“10.

Zu einer Zeit, da Astrologen die Welt noch in Gut und Böse teilen durften, erklärte Ptolemaios, dass

der so genannte „Lebensverlängerer“ (Hyleg) nicht in Haus 12 gefunden werden könne, denn hier

residiere

„… das Maleus genius, der übel wollende Dämon genannt, weil es die Gestirne, die sich über den

Horizont erhoben haben, getrübt wieder entlässt und ein fallendes Haus ist, während zugleich in

dieses Haus die Erde ihre feuchten Dünste und dichten Nebel ausatmet, welche weder Farbe noch

die Größe der Gestirne erkennen lässt.“11

Noch heute lebt diese bedrohliche Sicht in der Stundenastrologie weiter, die nichts Gutes über das

zwölfte Haus zu berichten wissen. Da ist die Rede von „Pech und Unglück“, von Verlusten,

Einsamkeit, Anonymität, psychischen Problemen, Vergiftungen12. Die Palette wird ergänzt durch Orte,

denen der Ruch der Ächtung und Verachtung, des Kriminellen und Kranken anhaftet, wie

7 Sasportas, Howard: Astrologische Häuser und Aszendenten. München 1987. S. 137

8 Wolfgang Reinicke: Praktische Astrologie. München 1997. S. 44

9 Sasportas, Howard: Astrologische Häuser und Aszendenten. München 1987. S. 146

10 vgl. Wolfgang Reinicke: Praktische Astrologie. München 1997. S. 44

11 Ptolemaios: Tetrabiblos. Mössingen 1995. S.164

12 vgl. van Sloten, Erik: Lehrbuch der Stundenastrologie. Freiburg im Breisgau 1994. S. 45

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© Christopher A. Weidner 2002

Gefängnisse, Krankenhäuser, Internate, geschlossene Anstalten, Heime. Es geht um Verbannung,

Verschwörung, Verdunkelung, Spionage, Erpressung: ein Bataillon des Untergründigen und

Ungesetzlichen bricht aus dem zwölften Haus hervor – ein Hort all dessen, was sich vor dem Blick der

Rechtschaffenen und Ehrbaren in den dunklen Winkeln unserer Gesellschaft zu verbergen sucht. Hier

steigt der übel wollende Dämon aus seiner Gruft und lauert uns auf, um uns Irrtümer, Fehler und

Laster zu verstricken.

Es werde Licht!

Wenn wir Licht in das wirre Dunkel um das zwölfte Haus werfen wollen, so müssen wir an einem

Grundgedanken der Astrologie anknüpfen: Astrologie ist aus der Anschauung des Himmels geboren.

Es war der Blick des Menschen an den Himmel, der den Zeichen und Phänomenen dort oben eine

Bedeutung für das Leben hier unten verlieh. Zwei astronomische Zyklen vernetzen sich dabei zu

einem komplexen Bild und bilden die Grundlage für das Horoskop: der scheinbare jährliche Lauf der

Sonne um die Erde, der verantwortlich für die Entstehung der Jahreszeiten zeichnet, und ihr

scheinbarer täglicher Lauf, welcher den Wechsel von Tag und Nacht hervorbringt.

Im Horoskop wird Letzterer zur Grundlage des Häuserkreises: der Horizont aus Aszendent und

Deszendent wird zur Grenze zwischen einer Welt der Entäußerung (Häuser 7 bis 12) in der oberen

Hälfte des Horoskops, und einer Welt der Verinnerlichung (Häuser 1 bis 6) in der unteren Hälfte. Die

Welt über dem Horizont ist eine sichtbare, „äußere Landschaft“, in der ich allem begegne, was von

meinem subjektiven Standpunkt aus gesehen nicht zu mir gehört und von dem ich mich als Individuum

getrennt erlebe: die anderen Menschen und ihre Gedanken, die Gegenstände, die Spielregeln der

Gesellschaft und der Kultur, in die ich hineingeboren wurde – es ist eine öffentliche, objektive Welt.

Die Welt unter dem Horizont ist eine „innere Landschaft“, die sich dem Blick der Öffentlichkeit entzieht:

sie ist subjektiv und privat, hier bin ich der Mensch, der nicht beobachtet wird, sich nicht zwischen den

Menschen und Dingen bewegen muss, sondern den Kontakt zu sich selbst sucht, um seine Energien

wieder auf sich selbst zu beziehen.

Zwei kritische Punkte gibt es in diesem Zyklus: der Übergänge zwischen Tag und Nacht. In der

Astrologie spielt insbesondere der Aszendent eine wichtige Rolle, denn in ihm kondensieren alle

Eigenschaften des Anfangens und Beginnens – er ist das sinnfälligste Symbol der Geburt.

Was ist demnach das zwölfte Haus der Anschauung nach? Es ist das erste Haus nach dem

Sonnenaufgang – es ist das Haus der aufgehenden Sonne! Und seine unmissverständliche Botschaft

ist: „Es werde Licht!“

Hier öffnen große Widersprüche nach allen Seiten auf: Wenn das zwölfte Haus das Haus des ersten

Lichtes ist, jener Stunde, in der die Natur zum Leben erwacht, alles aus der Dunkelheit der Nacht

entrissen und in die Sichtbarkeit gehoben wird – wieso ist das zwölfte Haus in allen bislang

angeführten Deutungen angefüllt von Düsternis, Verschwommenheit und Geheimnissen, die im

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Verborgenen blühen? Wieso geht es hier um Rückzug, wenn der Tag doch gerade erst angefangen

hat?

Die Sonne bringt es an den Tag

Das Grundempfinden der Menschen zum Anbruch des Tages spiegelt sich am deutlichsten in den

Sonnenaufgangsmythen der verschiedenen Kulturen: dort treffen wir kaum auf derart negative

Zuordnungen – im Gegenteil: die Geburt des Tages ist durchwegs positiv besetzt und nicht selten wird

die Morgensonne in einer Gottheit verehrt, die sich nicht nur durch besondere Schönheit hervortut,

sondern analog über alle Prozesse der Geburt die schützende Hand hält, wie der japanische Gott

Hiruko, die etruskische Thesan, die babylonische Aja oder die indische Suranyu. An erster Stelle ist da

natürlich die liebliche Eos, die griechische Göttin der Morgenröte, und die römische Aurora zu nennen,

Schwester von Sonne und Mond, die mit ihren rosigen Fingern die Pforten des Himmels öffnet, um

dem Sonnenwagen des Helios den Weg zu bahnen.

Alles in allem geht es in den meisten Mythen beim Sonnenaufgang um den Beginn und Schöpfung:

sei es das Erwachen der Natur am Morgen, der Geburt des Menschen oder der Entstehung der Welt

schlechthin. Es ist im Grunde ein positiver, kreativer Akt und es zeigt sich keine Spur davon, dass mit

den ersten Morgenstunden etwas Unheimliches oder gar Bedrohliches verbunden würde – im

Gegenteil: es schwingt Hoffnung und Zuversicht mit beim Gedanken an den Triumph des Tages über

die Nacht. Das Licht der Sonne bringt die Hoffnung auf eine neue Chancen angesichts des noch

unverbrauchten Tages mit seinen noch unentdeckten Möglichkeiten. Und doch: So wie die Sonne die

Dunkelheit vertreibt, so zerrt sie auch die Dinge ans Licht, die besser verborgen geblieben wären.

„Du bringst es doch nicht an den Tag“ beschwört Meister Nikolas die Morgensonne, deren Strahlen

sich am Rand seiner Schale fangen, als er sich in seiner Werkstatt zum Frühtrunk niedergelassen

hatte. Doch kaum hatte seine Frau die Worte erfasst, die er so für sich gesprochen hatte, packt sie die

Neugier und sie dringt so lange in ihren Mann, bis dieser ihr sein dunkles Geheimnis offenbart: vor

zwanzig Jahren hatte er einen Wandersmann um acht Pfennige ermordet. Dieser hatte ihm sterbend

zugerufen: „Die Sonne bringt es an den Tag!“ Adalbert von Chamisso, der uns diese Geschichte im

gleichnamigen Lied erzählt, lässt Meister Nikolas nicht davon kommen: „So hatte die Sonn eine Zunge

nun, / der Frauen Zungen ja nimmer ruhn. … Nun bringt’s die Sonne an den Tag. Die Raben ziehen

krächzend zumal / Nach dem Hochgericht, zu halten ihr Mahl. / Wen flechten sie aufs Rad zur Stund?

/ Was hat er getan? Wie ward es kund? / Die Sonne bracht es an den Tag.“13

Für den Mörder wird die Morgensonne zum Verhängnis – sie lüftet sein Geheimnis und führt ihn seiner

gerechten Strafe zu. Das zwölfte Haus erfährt hier eine Wende in seiner Bedeutung: es verhüllt nicht

und vernebelt nicht, sondern wirft ganz im Gegenteil sein Licht auf die Welt und ruft sie nach der Stille

der Nacht ins Leben zurück. Das zwölfte Haus – eine Sphinx ohne Geheimnisse?

13 von Chamisso, Adalbert: Sämtliche Werke in zwei Bänden, Bd. 1. Winkler-Verlag 1975. S. 309-311

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Aus Acht mach Zwölf

Wie kommt es denn zu dieser Verwirrung der Inhalte, sodass sich die Bedeutungen des zwölften

Hauses so gar nicht mit dem Grundempfinden der Anschauung decken mögen?

Die Lösung liegt in der Geschichte des astrologischen Häusersystems verborgen. Dieses entwickelte

sich aus einem einfachen Quadrantensystem, welches den Lauf der Sonne in vier Abschnitte

unterteilte, die wiederum mit den vier Tageszeiten (morgens, mittags, abends, nachts)

korrespondierten und demgemäß im Uhrzeigersinn gezählt wurden. Später verfeinerte man dieses

System zum Oktotopos oder Acht-Orte-System, indem die vier Quadranten einfach noch einmal

halbiert wurden. Jedem dieser Achtel wurde eine bestimmten Qualität und damit einer bestimmte

Bedeutung zugesprochen, auch begann die Zählung mit dem Aszendenten, jedoch setzte man diesen

nicht als Anfang des ersten Hauses, sondern als dessen Mitte. (vgl. Abbildung) Dieses erste Haus nun

umfasste damals eben jenen Bereich, in den wir heute das zwölfte Haus integrieren – und er nannte

sich „Leben“: eine Bezeichnung, die ganz im Einklang mit der menschlichen Grunderfahrung des

Sonnenaufgangs steht.

Die Griechen erst stockten das Häusersystem um vier Häuser auf und schalteten es mit den

Tierkreiszeichen gleich, sodass es seither wie diese entgegen dem Uhrzeigersinn gezählt wird.14

Durch die nun gegebene Übereinstimmung zwischen Häuserkreis und Tierkreis verschob sich die

Bedeutung des zwölften Hauses immer stärker in eine Richtung, wie sie durch das Tierkreiszeichen

Fische umrissen wird und sich deutlich in der Beschreibung des Ptolemaios widerspiegelt: dunstig,

neblig, unklar. Für den Zyklus der Häuser bedeutete dies, dass die ursprünglichen Erfahrungen, die

mit dem Rhythmus von Tag und Nacht einhergingen, auf den Kopf gestellt wurden: dort, wo zuvor

noch der Anfang des Lebens herrschte, sollte nun alles zu Ende sein.

Das Gewicht des Himmels auf den Horizont

Es scheint zunächst, dass die Deutung des zwölften Hauses, wie sie uns in der einschlägigen Literatur

angeboten wird, eher eine historische Konstruktion ist als eine im eigentlichen Sinne des Wortes

astrologische Erfahrungstatsache. Bevor wir nun den Stab über das zwölfte Haus brechen und mit der

Ablehnung der herkömmlichen Deutungen Gefahr laufen, das Kind mit dem Bade auszuschütten,

sollten wir an den Ursprung der Anschauung zurückkehren und uns noch einmal gründlich umsehen.

Das zwölfte Haus ist das letzte Haus des klassischen Zyklus und es ist das erste Haus des Zyklus,

wenn wir es der Anschauung nach als Haus der aufgehenden Sonne betrachten. Aus der einen

Perspektive endet der Zyklus am Aszendenten – dort, wo er seinen Anfang genommen hat – und aus

der anderen Perspektive beginnt er mit dem Aszendenten – und lässt die Dunkelheit unterm Horizont

zurück.

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Der Aszendent ist in beiden Fällen Anfang und Ende: er ist die Grenzlinie zwischen dem, was sich

unter der Erde (unter Tag also) unseren Blicken entzieht, und dem Himmel, der sich wie ein gewaltige

Kuppel über uns wölbt. Dane Rudhyar sah in dem Aufeinandertreffen der oberen und der unteren

Sphäre im Horizont, wie der „das gesamte Gewicht des Himmels auf den Horizont drückt“15.

Tatsächlich könnte man sich vorstellen, dass es sich um einen beschwerlichen Aufstieg handelt, den

die Sonne kurz nach ihrer Geburt am östlichen Horizont auf sich zu nehmen hat, bis sie am Medium

Coeli den Zenith ihrer Laufbahn erreicht hat. Doch gegen welche Kräfte, die auf den Horizont drücken,

muss sich das neu geborene Licht durchsetzen?

Auf menschliche Verhältnisse übertragen: Wenn wir das Licht der Welt erblicken, öffnet sich uns eine

Welt voller Möglichkeiten – sie ist so ungleich größer, vielfältiger und offener als die wenigen

Quadratzentimeter im Mutterleib. Geboren werden heißt: Befreiung von der Nabelschnur – einem

Symbol für Abhängigkeit und Unselbstständigkeit. Der Augenblick, in dem sich unsere Lungen zum

ersten Male mit Luft füllen und wir die Welt in uns aufnehmen, ist der Startschuss: ausgestattet mit

einer riesigen Palette an Anlagen, Fähigkeiten und Talenten werden wir in die Welt geworfen, um sie

für uns zu erobern und ihr unseren Stempel aufzuprägen. Und dann die Ernüchterung: wir werden in

eine Welt hineingeboren, die wir nicht gewählt haben, und diese Welt ist nicht „wüst und leer“, sondern

sie ist voller Strukturen, in die wir uns hineinfinden müssen – ob wir das nun wollen oder nicht. Sobald

wir das Licht der Welt erblicken, werden wir auch dem Blick der Welt ausgesetzt, und dieser Blick ist

nicht unvoreingenommen, sondern organisiert unser Leben, bevor wir es überhaupt begonnen haben.

Während es dem Horoskop „egal“ ist, ob wir Frau oder Mann, schwarz oder weiß, arm oder reich sind,

werden wir in eine Welt hinein geworfen, in der all dies von Anfang an eine Bedeutung hat, der wir

hilflos ausgeliefert sind. Mit dem ersten Schrei gewinnen wir unsere Freiheit – und verlieren sie im

selben Atemzug.

Mit jedem Sonnenaufgang wiederholt sich dieses Schauspiel im Kleinen: prinzipiell ist jeder neue Tag

ein Tag voller Chancen und Möglichkeiten, voller unentdeckter Erfahrungen und unvorhersehbarer

Ereignisse. Und doch werden wir Tag für Tag Zeuge des genauen Gegenteils, denn mit den ersten

Sonnenstrahlen ersteht alles, was wir am Vortag unerledigt liegen gelassen haben, ebenso von

Neuem. Vor dem, was wir getan haben, können wir nur scheinbar in den Schlaf entfliehen, denn

schon im Morgengrauen bringt es die Sonne wieder an den Tag. Mit dem Erwachen beginnt für viele

das Morgengrauen, denn mit dem ersten Fuß aus dem Nachtlager gehören wir zu einem großen Teil

nicht mehr uns selbst, sondern dem Schatten, der aus dem Gestern in das Heute hineinragt und die

Zukunft verdunkelt. Dieser Schatten ist wie die unauflösliche Nabelschnur, auf welche die Tage

unseres Lebens wie Perlen aufgereiht sind. In diesem Schatten lauern die „Geister der

Vergangenheit“.

14 Vgl. zur Entwicklung des Häusersystems Fagan, Cyril: The Oktotopos und Guinard, Patrice: The Dominion,

nachzulesen auf auf der Website von C.U.R.A. (http://cura.free.fr), sowie Knappich, Wilhelm: Entwicklung der

Horoskoptechnik vom Altertum bis zur Gegenwart in Qualität der Zeit Nr.38/38 Wien 1978.

15 Rudhyar, Dane: Das astrologische Häusersystem. Reinbek bei Hamburg 1992. S. 149

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Die Geister der Vergangenheit

Astrologisch drückt sich dies dadurch aus, dass sich die Sonne nach ihrem Aufgang in den vierten

Quadranten des Horoskops bewegt, den Quadranten der Gesellschaft und des soziokulturellen

Netzwerks, in welches wir durch unsere Geburt unauflöslich hineingeflochten sind. Im täglichen Leben

beschreibt dieser Quadrant, wie wir unserem gesellschaftlichen Auftrag nachgehen, unserem Beruf

und unserer Berufung: in diesem Quadranten leisten wir unseren Beitrag zum großen Ganzen.

Jeder neue Tag ist eine neue Chance zu einem neuen Anfang – aber jeder Sonnenaufgang wird

überschattet von den Altlasten des alten Tages und den Fehlern, Misserfolgen und Irrtümern der

Vergangenheit oder auch von Routinen, Gewohnheiten und alten Mustern, die wie Kletten an uns

hängen und die wir von Tag zu Tag mit uns schleifen, selbst wenn sie sich überholt haben. In diesem

Sinne müssen wir uns jeden Tag tatsächlich durch einen Nebel an das Licht der Welt kämpfen – ein

Nebel aus den RückstaÅNnden dessen, was wir nicht zu Ende gebracht haben und das uns nun wie ein

Hemmschuh am Aufstieg zur Himmelsmitte zu hindern droht.

Sich jeden Tag neu definieren. Das wäre das Versprechen des zwölften Hauses. Es wäre es, wenn da

nicht der Ballast des Vortags wäre, die „Geister der Vergangenheit“, die aus jedem Heute ein Gestern

machen und jedes Morgen zu einer ewige Wiederkehr des Gleichen.

Der Aufstieg zur Himmelsmitte

Das zwölfte Haus – ein Haus der enttäuschten Hoffnungen? Viele Menschen können ganz gut mit

dem Blick der Gesellschaft leben – sie empfinden die ewige Wiederkehr des Gleichen als beruhigend

und wünschen sich keine Unterbrechung der Kontinuität des Gestern-Heute-Morgen. Für sie hat das

zwölfte Haus keine Bedeutung oder ist im Gegenteil ein Bedrohung: wer nicht aus dem Dunst der

Geister der Vergangenheit aufsteigen möchte, wird sich unwohl fühlen bei dem Gedanken, dass das

Licht des Tages ihn treffen und seinem Leben Bedeutung verleihen könnte. So wählt man die

Anonymität und verheimlicht das, was einen von anderen unterscheidet. Bereitwillig opfert man seine

Individualität den sozial genormten Vorstellungen eines rechtschaffenen und schönen Lebens: man

erbringt die geforderte Leistung, fügt sich in die zugewiesene Rolle und verschiebt das Persönliche

auf den Feierabend und den wohl verdienten Urlaub – um selbst dort den Hochglanzidealen von

„Schöner Wohnen“ und „Fit for Fun“ zu erliegen. Das glatt gestylte Leben ist eine Garantie dafür,

ungeschoren dem Blick der Gesellschaft zu entgehen.

Und dann gibt es noch die Menschen, die spüren, dass der Aufstieg im zwölften Haus einem höheren

Ziel dient, das nicht außerhalb ihrer eigenen Persönlichkeit liegt, sondern an dem sie teilhaben mit

ihren Anlagen, Fähigkeiten und Talenten. Sie möchten nicht als Tropfen im Meer des Zeitgeistes

verschwinden , sondern auf seinen Wogen schwimmen. Zugleich spüren sie aber auch, dass dieses

Leben abseits der sozialen Normen ungleich schwieriger und gefährlicher ist und vor allen Dingen ein

Durchtrennen der Nabelschnur bedeutet. Damit aber entziehen wir uns der Spinnenfürsorglichkeit des

Zeitgeistes: wir sind auf uns selbst gestellt und für uns selbst verantwortlich geworden.

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Wenn die Nabelschnur gekappt wird, kann sich unsere Sonne aus dem Dunstschleier des zwölften

Hauses erheben und sich auf ihren Weg zur Himmelmitte machen. Das Medium Coeli verkörpert ein

mögliches Bild unserer Zukunft. Es kann ein leuchtendes Ideal sein, welches uns wie ein Magnet

anzieht und uns motiviert, das zu werden, was wir im Grunde unseres Herzens sind. Für diejenigen,

die beschließen, die Nabelschnur nicht zu durchtrennen, wir dieses Bild ein blasse Utopie sein,

manchmal von der heimlichen Wehmut des „Hätte ich bloß …“ und „Wäre ich nur nicht …“ getragen.

Für manche aber ist das Medium Coeli die Erfüllung der Sehnsucht, das eigene Licht auf die Welt

strahlen zu lassen: es ist die Erfüllung eines Versprechens, wie es sich bildhaft im Sonnenaufgang

verkörpert.

Michael Roscher sieht im zwölften Haus die „Selbstdarstellung in der Gesellschaft“16: hier werden wir

mit unserer gesellschaftlichen Rolle sichtbar, und damit auch mit all jenen Eigenschaften, die den

Konventionen und Traditionen, in die wir eingebettet sind, widersprechen. Das zwölfte Haus bringt uns

tatsächlich an den Tag – und zwar ungeschminkt, so wie wir sind. Nun gilt es eine Wahl zu treffen: ob

wir es vorziehen, diese Eigenschaften zu verbergen, um nicht zu riskieren als „Outsider“ verstoßen zu

werden, oder ob es wir es wagen, aus dem Dämmerlicht des Morgens aufzusteigen und mit

Entschlossenheit dem Konformismus des Zeitgeistes die Stirn zu bieten.

Nicht jeder, der sich vor diese Wahl gestellt sieht, wird sich dieser Herausforderung in der Gesellschaft

stellen. Viele mögen versuchen, dem Einfluss der Gesellschaft zu entfliehen, und suchen den

Rückzug im Schatten der Gemäuer eines Klosters, einer Eremitage oder eines Ashrams. Manche

wenden der Realität enttäuscht den Rücken zu und suchen ihr Heil in spirituellen Lehren und

esoterischen Wegen. Andere wiederum zerbrechen an am „Gewicht des Himmels auf den Horizont“ –

sie entwischen dem Konformismus, indem sie ihrer Verzweiflung nachgeben – und müssen dabei

einen teuren Preis bezahlen: den ihrer seelischen und körperlichen Gesundheit in Form von

Einsamkeit, psychische Störungen, Drogenabhängigkeit, Obdachlosigkeit und Isolation. Sie sind zu

den „klassischen“ Opfern des zwölften Hauses geworden.

Anderen Menschen gelingt es, sich vordergründig von der Diktatur des Zeitgeistes zu befreien und

dem Gefängnis der Normen und Konventionen zu entkommen, indem sie selbst zu denjenigen

werden, die Normen und Konventionen aufstellen. Sie wechseln die Seite des Spieles – aber sie

verlassen es nicht. Jedoch haben sie verstanden, dass es nicht automatisch im zwölften Haus

begründet liegt, der Gesellschaft den Rücken zu kehren und sich auf sich selbst zu besinnen, sondern

dass es auch einen Weg durch das zwölfte Haus gibt, der in der Gesellschaft stattfindet. Trendsetter,

Zeitgeistsurfer, Popstars, Politiker, Schauspieler – viele von ihnen haben die Erfüllung ihres zwölften

Hauses nicht in gewollter oder ungewollter Isolation gefunden, sondern indem sie sich dazu berufen

fühlten, sich ganz bewusst dem Blick der Gesellschaft auszusetzen: sie haben den Schatten durch

das Rampenlicht ersetzt. Aber auch hier finden sich Tragik und Verzweiflung, denn je stärker und

erfolgreicher sie in ihrer Rolle werden, umso fester sind sie an die Erwartungen gekettet, die mit dieser

16 Roscher, Michael: Das Astrologiebuch. München1989. S. 126

Christopher A. Weidner – Das Haus der aufgehenden Sonne Seite 9 von 10

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Rolle verbunden sind. Nun wird jede Verfehlung, jeder Makel, jeder falsche Geste und jedes falsche

Wort sofort zur Chefsache vor dem Publikum. Wer hier nicht lavieren kann und es nicht schafft, sich

dem globalen Mobbing zu entziehen, das jedem Star droht, wenn er die Anpassungsleistung an den

Zeitgeist nicht vollbringt. Wer sich nicht aussteuert – der wird ausgesteuert, und zwar gnadenlos.

Eine neue Weise, sich der Bedeutung seines zwölften Hauses zu nähern, scheint sich durch die

rasante Digitalisierung unserer Welt zu ermöglichen: zurückgezogen in den Schutz der eigenen vier

Wände, suchen immer mehr Menschen sich im Internet einen virtuellen Auftritt zu verschaffen. Die

Anonymität des Netzes erlaubt, jenen Seiten der Persönlichkeit Ausdruck zu verliehen, die man im

Licht der Öffentlichkeit entweder verschweigt oder an sich noch gar nicht wahrgenommen hat. Es

handelt sich also um verborgene Talente, die im real life keine Chance gehabt hätten, nun aber unter

der Tarnkappe der virtual reality ganz groß rauskommen können. Der Haken an der Sache ist

natürlich, dass diese geheimen Eigenschaften auch nur im Verborgenen blühen können – zumeist

halten sie dem Realitätstest nicht stand: der feurige Latin-Lover aus dem Chat von gestern ist in

Wirklichkeit ein schüchterner Buchhalter, der nicht einmal der Gemüsefrau ums Eck in die Augen

schauen kann, die blonde Schönheit mit den blauen Augen und den Traummaßen 90-60-90 ist

eigentlich ein gelangweilter Ehemann.

Was zunächst wie ein Stelldichein von Lügnern, Heuchlern und Hochstaplern zu sein scheint,

offenbart auf den zweiten Blick ein große Chance, wie sie nur das zwölfte Haus bieten kann: hier

können wir mit uns experimentieren, können Seiten in uns ausleben, die unter dem Blick der

Gesellschaft keine Gelegenheit hätten sich zu zeigen. Wir müssen uns nicht zufrieden geben mit dem,

was von unserer Persönlichkeit unter den Augen sozio-kultureller Normen übrig bleibt, sondern haben

die Möglichkeit, selbst die verborgensten Aspekte unseres Lebens auszuprobieren: wir können uns im

wahrsten Sinne des Wortes neu erschaffen – wie Nereus, ein neptunischer Meeresgeist, der sich

ungreifbar macht, indem er seine Gestalt nach Belieben ändert. Die Eroberung des Cyberspace wird

dem zwölften Haus eine ganz neue Dimension verleihen, die es den Menschen ermöglicht, weit über

die Grenzen ihrer Kulturen, Gesellschaften, Traditionen, ja selbst über die körperlichen

Beschränkungen der Natur hinauszuwachsen.

Der Anfang ist das Ende ist der Anfang

Unsere Reise durch das zwölfte Haus nahm ihren Anfang im Vergleich zwischen der Anschauung des

Himmels und der traditionellen Bedeutung, welche auf den ersten Blick einen Widerspruch offenbarte:

auf der einen Seite steht die positive Bewertung des Sonnenaufgangs als Geburt alles Lebens in die

Sichtbarkeit, und auf der anderen Seite die verschwommenen, düsteren und auflösenden

Interpretationen, wie sie schon seit der Antike überliefert zu sein scheinen.

Bei näherer Betrachtung aber verliert sich der Unterschied, denn inzwischen tauchen alle Begriffe, die

wir aus der Anschauung heraus angezweifelt haben, wieder auf und nehmen den Platz ein, den sie

ursprünglich hatten: wir sind auf die Einsamkeit gestoßen, die Anonymität, das Schicksal der

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Ausgestoßenen und Kranken, aber auch die spirituelle Weltflucht und die Mystik; wir haben gesehen,

wie die Schatten der Vergangenheit an uns haften und uns am Aufstieg hindern – und verstehen so,

warum dieses Haus auch das Haus des Karma genannt werden kann.

Aber wir haben auch gesehen, warum uns das zwölfte Haus nicht nur zu Opfern macht und dass

Anstrengung und der feste Glaube, zu etwas Besonderem geboren zu sein, das Blatt des Schicksals

wendet und uns zu Protagonisten unseres Lebens werden lässt. Am Morgen werfen wir lange

Schatten: sie sind größer und wirken mächtiger als wir selbst. Diese Schatten scheinen uns in Frage

zu stellen und uns zu dominieren, solange bis wir feststellen, dass es unsere eigenen Schatten sind

und sie immer kürzer werden, wenn wir den Aufstieg zur Himmelsmitte wagen.

„Am Ende all unseres Suchens werden wir zu unserem Ausgangspunkt zurückkehren, und werden

den Ort zum ersten Mal sehen.“ (T.S. Eliot)



 

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