PDF* Keine Gnade für Lilith!
Keine Gnade für Lilith!
Eine neue Chance für den schwarzen Mond
Lilith – eine ideologische Kröte?
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Christopher A. Weidner – Lilith Seite 1 von 11
© Christopher A. Weidner 2002
Christopher A. Weidner
Keine Gnade für Lilith!
Eine neue Chance für den Schwarzen Mond.
(1999)
Lilith – eine ideologische Kröte?
Meine Begeisterung für Lilith oder den Schwarzen Mond, wie man sie auch gerne nennt, hielt sich
schon immer eher in Grenzen. Zum einen bin ich der Auffassung, dass es nicht viel Sinn macht, das
Horoskop mit immer mehr Faktoren zu füllen. Dies erhöht zwar die Deutungsdichte, multipliziert
zugleich aber die Möglichkeiten, alles und jedes in ein Horoskop hinein zu (er)finden. Aber gut: Dies
ist kein echtes Argument gegen Lilith. Und schließlich sollte man sich einer wirklichen Chance zur
Veränderung und Erweiterung astrologischen Wissens nicht versperren – wenn nur dem Anspruch
Rechnung getragen wird, dass ein "neuer" Faktor sich astrologisch sinnvoll herleiten lässt. Deshalb
kommt auch eine Lilith nicht umhin, sich der Frage zu stellen, wie viel Astro-Logik in ihr steckt.
Hier begebe ich mich natürlich auf ein schwankendes Terrain, denn eine Definition für "astrologisch"
wird verlangt.
Rudhyar hat einmal Astrologie treffend als das Studium der Wechselbeziehungen zwischen
himmlischen Phänomenen "oben" und physischen, psychologischen und sozialen Veränderungen
"unten", wie sie vom Bewusstsein des Menschen interpretiert werden, bezeichnet.1 Es wäre demnach
also der Blick des Menschen auf den Himmel, welcher die Grundlage für astrologische Erkenntnisse
bildet. 2 Im Gegensatz zur bloßen Beobachtung des Himmels, bei der sich Betrachter und Betrachtetes
als getrennt erleben, nenne ich diesen Blick die Anschauung, bei der das Betrachtete im Inneren des
Menschen Bilder erzeugt, die wiederum in Resonanz zu typisch menschlichen Erfahrungen stehen.3
Entscheidend aber ist – und hier mag ich mich von vielen gängigen Ansichten in der Astrologie
unterscheiden –, dass sich in diesen Blick unweigerlich die persönliche und die sozio-kulturelle
Geschichte eines Menschen hineinmischt, ja dass es "ziemlich sinnlos [ist], die Astrologie vom
jeweiligen Zustand der Kultur und der Gesellschaft, in der der Astrologe lebt und in der er seine
Kalkulationen und Interpretationen anstellt, trennen zu wollen."4 An dieser Stelle melden sich jene
"Mythen, nach denen wir leben" zu Worte, denn "jene Metaphern, prägenden Bilder und Paradigmen,
1Vgl. diese Definition mit Rudhyar, Dane, Das astrologische Häusersystem. Reinbek bei Hamburg 1992. S.9
2Vgl. Christopher A. Weidner „Astrologie nach dem Tode Gottes“.
3Vgl. Weidner, Christopher, Astrologie für Einsteiger. München 2001. S.27ff
4Rudhyar a.a.O. S.10
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die jeden Aspekt unseres Lebens nachhaltig beeinflussen und unsere Einstellung zur Wirklichkeit
festlegen"5. Diese Mythen durchdringen mit ihren Metaphern unser Dasein, bebildern die
Grundannahmen und Erwartungen einer Epoche und bestimmen so die Form unserer Wahrnehmung,
organisieren den Blick des Menschen in Richtung anerkannter "Tatsachen", denn: "was 'man' will und
was 'man' tut, ist in jeder Gesellschaft weitgehend das, was 'man' wollen soll und was 'man' tun darf."6
Mythen konstellieren unsere Auffassung von Wirklichkeit, sind wandelbar und erfüllen ihre Funktion
auf räumliche und zeitliche Dimensionen begrenzt. Aus dieser Perspektive wird auch jeder Mythos,
den wir in den Sternen zu finden glauben, zu einem Produkt der menschlichen Geschichte und ist
weder archetypisch in den Tiefen unserer Seele verankert noch Sendbote irgendeiner universellen,
dem Menschen übergeordneten Weisheit.
Wenn wir mit den Augen des kulturellen Codes, in den wir uns eingebettet vorfinden, auf Lilith blicken,
erfahren wir etwas sehr Erstaunliches: All das, was AstrologInnen gerne aus diesem Mythos heraus
zu lesen glauben, ist nichts anderes als ein Spiegel ihres Umgangs mit der eigenen kulturellen
Situation. Das heißt: die Wirklichkeit von Lilith ist nichts anderes als die Wirklichkeit ihrer
InterpretInnen. Daran ist prinzipiell auch nichts Verwerfliches, doch schließe ich mich unumwunden
einer weiteren klugen Aussage Rudhyars an: "Die Astrologie ist für Verwirrung und für die Ausbreitung
dogmatisch ausgedrückter Meinungen ein besonders fruchtbares Gebiet, ob diese nun die Form von
angeblich wissenschaftlichen Analysen annehmen, von gelehrten Textsammlungen, von psychischen
Ahnungen oder 'Kommunikationen'."7 Was auch immer man uns als astrologisch verbrieft vorsetzt,
sollte m.E. darauf untersucht werden, welche ideologische Kröte wir im selben Zug schlucken müssen,
d.h.: Was will man uns mit der Deutung des Mythos sagen? Welches Weltbild fordert hier unsere
Gedanken und Empfindungen heraus?
Ein Blick in die Schlangengrube
Ein kurzer Abstecher in die Lilith-Literatur der Gegenwart stimmt zunächst etwas betrüblich, denn Lilith
kommt nicht gerade auf leichten Füssen daher – im Gegenteil: man gewinnt den Eindruck, als ob sie
Pluto den Rang als Schlangengrube der Astrologie ablaufen wolle. Düster windet sie sich wie ein
schwarzer Faden durch die Interpretationen der AutorInnen und schließlich um das Gemüt der
Leserschaft. Kein Wunder – ist Lilith doch eine üble Dämonin, die Kinder würgt und Männern zu
unzüchtigen Träumen verhilft. Epizentrum der Deutungskünste aber ist in aller Regel die Geschichte
von Lilith als der ersten Frau Adams, die nicht wie Eva aus der Rippe des Mannes geboren, sondern
wie jener von Gott aus dem Staub derselben Erde geformt wurde. Leider ging diese Liaison in die
5Highwater, Jamake, Sexualität und Mythos. Olten/Freiburg 1990. S.22
6Highwater, Jamake, Sexualität und Mythos. Olten/Freiburg 1990. S.31
7Rudhyar a.a.O. S.10
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Brüche, da man sich über die Position beim Geschlechtsakt nicht einigen konnte: "Adam sagte: 'Du
sollst unten liegen!", und Lilith sagte: 'Du sollst unten liegen!' Sie hörten nicht aufeinander."8 Lilith
verließ daraufhin das Paradies, um fürderhin als Nachtgespenst ihr Unwesen zu treiben. Wie Kocku
von Stuckrad hervorhebt, wurde diese Erzählung von den rabbinischen Autoren eingeführt, um die
Widersprüche der beiden Schöpfungsgeschichten in der Genesis, was die Entstehung von Mann und
Frau angeht (vgl. 1.Moses 1:26f und 1.Moses 2:18 und 22ff), zu überbrücken.9
Ungeachtet dieser kulturhistorisch relevanten Merkmale des Lilith-Mythos, scheut man sich in der
einschlägigen Literatur nicht, Lilith gewissermaßen für die Doktrin der rebellischen Frau zu usurpieren,
die den Unterdrückungsversuchen des Mannes Widerstand leistet. Keine Ausführung über Lilith kann
es sich daher leisten, nicht die allmächtige Große Göttin herbei zu zitieren, von deren einstiger
matriarchaler Größe in der Gestalt von Lilith nur noch der angsteinflössende Aspekt übrig geblieben
sei. Leider krankt diese Deutung des Mythos daran, dass sie völlig undifferenziert sogar diejenigen
Eigenschaften Liliths als Kennzeichen "echter weiblicher Spiritualität" annektiert, die wir wohl eher der
patriarchalen Verstümmelung zu verdanken haben. Wie gerne stürzt man sich auf den Nachtaspekt
der Lilith, deutet ihren Namen fleißig, aber religionsgeschichtlich unhaltbar10, aus lîl für "Nacht", wobei
man sich daran erfreut – ganz im Sinne der Jungschen Tradition vom Weiblichen als dunkle, sumpfige
Macht aus dem Unbewussten, deren Schoß ein alles verschlingender Schlund ist und immerzu darauf
lauert, den Herrschaftsbereich des Logos mit ihren irrationalen Launen zu überfluten – im Nächtlichen,
Dunklen die Urkraft des Weiblichen zu erfühlen.
Vom Nachtgespenst zum Racheengel
Dabei verkörpert, wenn es nach einigen AutorInnen ginge, gerade Lilith ein Frauenbild, welches nur
auf dem Boden von patriarchaler Diskriminierung gewachsen sein kann. Wir lesen zum Beispiel von
Frauen, die "auf ihrem Weg zur Karriere … jene Kräfte und Eigenschaften geopfert [haben], die
eigentlich weiblich wären, wie Sanftheit, Gefühl, Einfallsreichtum, Verständnis."11 In einer Männerwelt,
so heißt es, müssen Frauen "die weiblichen Begabungen entwickeln, wie Weisheit und Intuition,
Bereitschaft zur Zusammenarbeit (und nicht zur Unterdrückung), um uns von der Logik der Macht und
des Herrschertums zu lösen …"12. Männern aber wird der Schwarze Mond zum schwarzen Peter: sie
erleben Lilith "meist als eine Art Negativ-Anima", denn sie waren "das Opfer von Liliths grausamer
Rache, und deshalb fürchten und verdrängen sie sie."13 Wo Lilith auftaucht, fällt die Astrologenschaft
8Aus dem "Alphabet des Ben Sira" zitiert nach von Stuckrad, Kocku, Lilith. Braunschweig 1997. S.75
9von Stuckrad, Kocku, Lilith. Braunschweig 1997. S.71
10von Stuckrad, Kocku, Lilith. Braunschweig 1997. S.66
11Livaldi-Laun, Lianella, Lilith – die kreative Revolution. In MERIDIAN 5/95. S.16
12ebd.
13a.a.O. S.18
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in merkwürdige "Ahnungen und Stimmungen": "wirklich begriffen habe ich es nicht. … [Es] war eine
Erfahrung des nicht stillbaren Durstes, ich wollte es intellektuell begreifen, und 'irgendetwas' löste sich
auf, sobald ich einen Teil zu erhaschen glaubte."14 Klar handelt es sich bei Lilith "um ein Symbol aus
einer matriarchalen Zeit eines magischen Bewusstseins"15, in dem "nicht irgendwelche individuellen
Auswüchse zählen, sondern die Zugehörigkeit zum mondhaften Ursubstrat der Großen Mutter."16 Mit
dem Wechsel zur "Ego-Periode" des Patriarchats musste – kurz gesagt – diese Große Göttin letztlich
der maskulinen Heldenmythologie weichen und wandelte sich in jene dämonische Lilith, einem
"Fleisch fressenden und Blut saugenden Parasiten und Vampir."17 Natürlich, so beeilt man sich zu
betonen, ist dies nichts anderes als ein Spiegel der "Angst des Patriarchates vor einem Zurückfallen in
den Bereich der Großen Mutter" und die so unterdrückte Lilith kann darum nicht anders als sich in der
"Kraft des lunaren und venusischen Pols, der all das herunterreißt, was der Mensch in seinem
Versuch, sich über die Natur zu erheben, errichtet hat", zu artikulieren. So schreckt Lilith nicht davor
zurück, einen Menschen, "der sich zu weit von den Entsprechungen seiner Seele und seines
Unbewussten entfernt hat", zu "scharfen Korrekturen"18 zu zwingen.
Und solche Korrekturen bekommen gerade Frauen offensichtlich dann zu spüren, wenn sie folgende
Botschaft von Lilith überhoÅNren: "Liebe Frauen, Gleichberechtigung ist schön und gut. Ihr habt gelernt,
euch durchzusetzen und in der Welt zu behaupten. Ihr habt gelernt, die Energien der männlichen
Planeten Sonne und Mars zu integrieren und zum Ausdruck zu bringen. Aber! So wertvoll diese
Entwicklung auch war, sie ist nur die Hälfte der Ganzheit, denn: Ihr seid keine Männer, ihr seid Frauen
und darum anders und habt vergessen, welche Macht in den weiblichen Energien steckt! Wenn ihr
den männlichen Eigenschaften nacheifert, dann opfert ihr euch selbst und eure ureigene Weiblichkeit."
19
Zugegeben: So gesehen war noch nie ein astrologisches Prinzip so politisch wie Lilith, und das macht
sie als Zeitgeistphänomen in erhöhtem Maße interessant. Wie kein anderes Prinzip wirkt sie offenbar
als ideologischer Trigger auf die von der Emanzipation ermüdeten Geister und lässt Hoffnung darauf
keimen, dass die letzte Kluft der Unvereinbarkeit der Geschlechter noch nicht völlig
zusammengebrochen ist. Immunisierung gegen Kritik ist dabei ein Kinderspiel, wenn man sich auf die
Hase-und-Igel-Taktik der Archetypen verlassen kann: "Wer nicht für Lilith ist, ist gegen sie!"
14Traugott, Hannelore, Lilith – Dämonin und Initiatorin. In Astrologie Heute Nr. 39. S.26
15Weiss, Claude, Die Rückkehr der Lilith. In Astrologie Heute Nr. 43. S.6
16ebd. S.7
17ebd. S.8
18ebd. S.9
19vgl. Bachmann, Verena, Lilith und die Energien der weiblichen Planeten. In Astrologie Heute Nr. 52. S.26, und Livaldi-Laun,
Lianella a.a.O. S.17
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Und so wird aus wenig Zucker viel ideologische Zuckerwatte und aus dem Nachtgespenst Lilith ein
Racheengel nicht für die Unterdrückung der Frau, sondern für die Unterdrückung des vermeintlich
Weiblichen in der Frau, ihrer "wahren" Bestimmung oder besser: das, was frau/man dafür hält.
Sexy Lilith?
Da ich an anderer Stelle bereits ausführlich die Problematik der angenommenen Polarität zwischen
Mann und Frau und ihrer dogmatischen Verankerung in der astrologischen Symbolik besprochen
habe20, möchte ich nur Folgendes an dieser Stelle einflechten:
Wir stehen an der Wende zu einem neuen Paradigma und allmählich verlieren die unsere Wirklichkeit
organisierenden Grundannahmen, die Mythen, nach denen wir leben, den Boden unter den Füssen –
unter anderem die Trennung der Menschheit in Mann und Frau bzw. in "männlich" und "weiblich". Um
keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: zweifelsohne kann man die Menschheit in zwei
anatomisch unterscheidbare Gruppen teilen, in männliche Menschen und weibliche Menschen – so
wie man sie in rothaarige, blonde, schwarzhaarige Menschen etc. oder nach Blutgruppen gruppieren
könnte. Während es jedoch jedem einsichtig sein dürfte, dass die Blutgruppenzugehörigkeit oder die
Haarfarbe (mit Ausnahme schlechter Witze) keine ernst zu nehmenden Schlüsse auf charakterliche
Merkmale zulassen, hält sich hartnäckig die Annahme, der biologische Unterschied zwischen
weiblichen und männlichen Menschen bedinge so etwas wie eine innere Weiblichkeit und
Männlichkeit, die sich auch im Charakter zu äußern habe. In der Astrologie scheint es besonders
schwer zu fallen, ein Umdenken zu provozieren – zu stark hat sich die Vorstellung eines
archetypischen Geschlechtsunterschiedes in die Köpfe eingekerbt, wie sie zum Beispiel in der
gängigen Gliederung der Planeten in männliche und weibliche wiederholt wird – wobei sich hier in
besonders drastischer Weise zeigt, welche Eigenschaften man vom Weiblichen und welche vom
Männlichen erwartet. In der Lilith-Literatur zeigt sich diese Differenz darin, dass man beispielsweise
unterschiedliche Deutungen für Männer und Frauen angibt und allein dadurch schon der Vorstellung
Vorschub leistet, dass es etwas wesenhaft Anderes zwischen den Geschlechtern gibt.
Es wird Zeit, mit der Dekonstruktion sexueller Mythen in der Astrologie zu beginnen. Lilith kann und
darf hier keine Ausnahme bieten. Wenn ich aber nun nicht auf Lilith im Horoskop verzichten möchte –
wie kann ich anstatt dessen vorgehen, um eine brauchbare Interpretation zu erhalten? Wie ich
eingangs ausführte, liegt der Schlüssel zu allen astrologischen Prinzipien nicht in den Mythen, die man
ihnen überstülpt, sondern in der Anschauung der himmlischen Phänomene, auf die sie sich beziehen.
Wenn man also herausfinden möchte, was Lilith wirklich bedeutet, muss man sich die Mühe machen
zu verstehen, was Lilith eigentlich ist …
20Vgl. Christopher A. Weidner “Der Ikarus-Effekt“.
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Ein Brennpunkt am Himmel
Abbildung 1: Lilith als Blickrichtung auf den zweiten Brennpunkt der elliptischen Umlaufbahn des Mondes.
Was ist denn nun eigentlich Lilith? Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass nicht irgendein
fiktiver Planet gemeint ist, sondern "die Richtung auf den zweiten Brennpunkt der elliptischen
Umlaufbahn des Mondes um die Erde" (Abbildung 1). Damit soll Lilith im Horoskop auf denjenigen
Punkt zeigen, den der Erdtrabant erreicht, wenn er am weitesten entfernt von der Erde steht, das so
genannte Apogäum.21 Leider ist dieser Punkt auf Grund der Komplexität der Mondbahn nicht eindeutig
zu bestimmen, eine Problematik, der sich Dieter Koch in seinem erhellenden Aufsatz "Was ist Lilith?"22
ausführlich gewidmet hat. Dies liegt u.a. daran, dass die Mondbahn keine wirkliche Ellipse ist. Leider
aber verhallen solche himmelsmechanisch fundierten Argumente oft ungehört und so kürzt man die
Diskussion um das astronomische Wie und Was von Lilith gerne lapidar ab, indem z.B. darauf
verwiesen wird, dass "die gelegentlich geäußerte Annahme, man müsse die Lilithposition in
bestimmter Weise korrigieren, ... sich nicht durchsetzen [konnte]" oder gar, dass man eben "gute
Ergebnisse mit einer unkorrigierten Lilith erzielt"23 habe. Offensichtlich ist das Bedürfnis nach
21Einige andere AutorInnen beziehen sich auf den zweiten Brennpunkt der "Ellipse" der Mondumlaufbahn als Lilith. Vgl. hierzu
auch Livaldi-Laun/Stiehle "Der schwarze Mond – die astronomischen Grundlagen von Lilith" in MERIDIAN 5/94. S.16f
22Koch, Dieter, Was ist Lilith und welche Ephemeride ist richtig?" in: MERIDIAN 1/95. S.36ff
23von Stuckrad, Kocku, Lilith. Braunschweig 1997. S.97
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Implementierung neuer Mythen in das Horoskop größer als der Wille zu Exaktheit. Ich möchte wagen
zu behaupten, dass eine unkorrigierte Lilith dem Versuch gleichkäme, die RücklaÅNufigkeit der Planeten
aus Bequemlichkeit herauszukürzen …
Schwerwiegender jedoch wirkt der Umstand, dass Lilith keinerlei astrologisches Anschauungsmaterial
bietet, da sie nicht wirklich am Himmel vorhanden ist. Dies ist den LilithianerInnen natürlich bewusst,
und so fehlt es nicht an Bekräftigungen, dass es sich bei Lilith eben wie bei den Mondknoten oder gar
den Häuserspitzen um einen "sensitiven Punkt" handelt – und diese könne man ja schließlich auch
nicht sehen.24 Dabei wird jedoch übersehen, dass sowohl die Häuser als auch die Mondknoten
ungleich Lilith nicht erst auf den Tierkreis projiziert werden müssen. So sind die Mondknoten
Schnittpunkt der Ekliptik (Tierkreis) mit der Mondumlaufbahn und die Häuser entweder per se
Ekliptikstellen (z.B. bei Placidus) oder ebenfalls Schnittpunkte bestimmter räumlicher Koordinaten mit
der Ekliptik (z.B. Campanus). Allein Planeten werden auf Grund ihrer nördlichen und südlichen
Abweichung von der Ekliptik auf selbige projiziert, und so nimmt Lilith eine seltsame Zwitterposition
ein, möchte sensitiver Punkt sein und zugleich wie ein Planet behandelt werden. Lilith wandert abseits
des Tierkreises in einer komplizierten Bahn um die Erde und täuscht dabei eine eigenständige
Bewegung vor – weswegen sie dazu verleitet wie ein echtes Planetenprinzip betrachtet zu werden.
Bei Lilith handelt es nicht um einen Faktor von klassischer Wichtigkeit, denn mit ihr lassen sich auch
keine wirklich wichtigen himmlischen Ereignisse verknüpfen, wie z.B. die Sonnen- und
Mondfinsternisse mit den Mondknoten.25 Lilith ist ein Produkt aus der Erkenntnis der elliptoiden
Umlaufbahn des Mondes um die Erde, wie sie erst seit Kepler bekannt ist. Lilith kann folglich nur dann
relevant werden, wenn wir bei ihr eine Ausnahme von der rein geozentrischen Perspektive des
Horoskops machen, denn die Gestalt der Mondbahn kann nur aus heliozentrischer Sicht erkannt
werden und nur aus dieser besitzt ein Begriff wie Apogäum überhaupt einen Sinn. Für den im
Mittelpunkt des astrologischen Universums stehenden Betrachter auf der Erde ist die Mondbahn
jedoch wie jede andere Planetenbahn eine Kreisbahn, womit Lilith für ihn keinerlei Bedeutung
besitzen kann. Wenn sich aber kein für die menschliche Anschauung bedeutsames himmlisches
Phänomen mit Lilith verknüpfen lässt, ist m.E. ein astrologischer Anspruch im klassischen Sinne
verwirkt.
Auch wenn in meinen Augen die angeführten Argumente durchaus dazu angetan sind, die Rolle einer
Lilith im Horoskop generell infrage zu stellen, könnte man freilich etwas kulanter sein und aus der Not
eine Tugend machen und all die hier angeführten Kritikpunkte zu Liliths Charakteristiken stilisieren.
24Spitzfindige ZeitgenossInnen können mir zurecht vorhalten, dass man ja auch die Transsaturnier nicht sehen kann – dennoch
sind sie fassliche Objekte unseres Sonnensystems und können sichtbar gemacht werden, wenn auch unter Zuhilfenahme von
Teleskopen, ein Umstand, der sogar ein wichtiger Beitrag zu ihrer Deutungsgeschichte ist. Vgl. hierzu Weidner a.a.O. S.128ff
25Allein Claudia von Schierstedt erwähnt einen astronomisch relevanten Zusammenhang mit ringförmigen Sonnenfinsternissen.
vgl. von Schierstedt, Claudia, Finsternisse astrologisch deuten. Mössingen 1999. S.15
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Demnach hätten wir es dann mit dem Auftakt einer Reihe neuartiger sensitiver Punkte zu tun, von
denen das Apogäum des Mondes nur ein prominenter Fall wäre – völlig gleichberechtigt müsste man
nun beginnen auch das Perigäum (den erdnächsten Punkt des Mondes, der sich jedoch nicht genau
dem Apogäum gegenüber befinden muss26) und sogar die Erdferne und Erdnähe der Sonne (Aphel
und Perihel) bzw. sämtlicher anderer Planeten. Tatsächlich gibt es einige AstrologInnen, die bereits
damit begonnen haben, Namen für all diese Punkte zu verteilen: Neben dem Apogäum mit Namen
Lilith steht nun Priapos für das Perigäum usw.
Gesetzt den Fall also, Lilith hätte etwas zu bedeuten – was wäre dies? Herkömmlicherweise haben
sich alle AutorInnen bislang darauf verständigt, den Namen des Apogäums als Grundlage ihrer
Deutungen zu zitieren und ranken sich Interpretationen in aller Regel um die Geschichten jener
schillernden weiblichen Gestalt des mesopotamischen und hebräischen Mythos. Leider lässt sich nicht
mehr schlüssig nachvollziehen, wie das Mondapogäum zu seinem Namen kam – wie gesagt: der
Astrologie des Altertums war Lilith sicherlich kein Begriff auf Grund der fehlenden Kenntnisse um die
wirkliche Gestalt der Mondbahn. Wie ich an anderer Stelle27 bereits ausgeführt habe, ist es jedoch in
aller Regel zweifelhaft, sich allein auf den Namen zu stürzen, denn dies entspricht m.E. nicht wirklich
astrologischem Denken, welches sich auf die Anschauung eines himmlischen Phänomens stützt. So
war stets am Anfang das Augenmerk auf die Eigentümlichkeiten eines Planeten gerichtet, auf seine
Farbe, seinen Bahnverlauf, sein "Verhalten" am Himmel, bevor ihm eine Gottheit und damit ein Name
zugewiesen wurde.28 Bei Lilith jedoch steht der Name am Anfang – während die astrologischen
Anschauungstatsachen niemanden zu interessieren scheinen.
Lilith kann im Grunde keine eigenständige Bedeutung haben, da sie nichts weiter als eine Funktion
der Mondbahn ist. Sie ist als Station seines Umlaufes gewissermaßen eine Momentaufnahme seines
Wesens, ein bestimmter Aspekt auf seiner Reise um die Erde. Der Schlüssel zur Interpretation von
Lilith liegt also im Mond selbst begründet und alles wird davon abhängen, wie wir dieses astrologische
Prinzip betrachten.
Wo die totale Identifikation endet …
Der Mond ist aus astrologischer Sicht unser größtes Organ der Wahrnehmung: Er sammelt die
Informationen aus der äußeren Welt und gibt sie gefiltert durch die Kriterien seiner besonderen
Position im individuellen Horoskop an unsere innere Welt weiter: Er ist unser "Fenster zur
26vgl. Koch, Dieter a.a.O.
27Weidner, Christopher „Astrologie nach dem Tode Gottes“.
28Ausnahmen stellen natürlich die sogenannten teleskopischen Planeten dar, die zwar eine Taufe erfuhren, jedoch über den
Zeitpunkt ihrer Entdeckung auf bestimmte typische Eigenschaften schließen ließen.
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Wirklichkeit"29, weil er bestimmt, wie für uns die Welt aussieht, was für ein Ort diese Welt für uns auf
eine ganz fundamentale und essenzielle Weise ist. Der Mond im Horoskop beschreibt unser
allgemeine Art, "zwischen den Dingen zu sein", d.h. wie wir uns als undifferenzierten Bestandteil der
Welt erleben, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Mond: Das ist reine Subjektivität, totale
Identifikation mit der Situation, in der ich mich befinde. Was mir der Mond an Eindrücken zur
Verfügung stellt, kann nicht anders als mich betroffen machen: Hier spüre ich am unmittelbarsten, wie
ich unentrinnbar in die Welt, die mich umhüllt, eingebettet bin, denn "niemand kann sich der
fundamentalen Subjektivität der Erfahrung entziehen".30 Auf der Subjektivität der Erfahrung wird sich
durch Prozesse der Assimilation, Strukturierung und Verarbeitung von Eindrücken (Merkur) später das
herauskristallisieren, was wir unser "Ich" nennen (Sonne) und dem wir eine so erstaunliche
Beständigkeit zutrauen. Ohne Zweifel gehen wir durch das Leben mit einer kontinuierlichen Ich-
Empfindung: "Wir haben eine Persönlichkeit, Erinnerungen, Pläne und Erwartungen, die offenbar alle
in einem kohärenten Standpunkt zusammenkommen, in einem Zentrum, von dem aus wir die Welt
überblicken, dem Boden, auf dem wir stehen."31 Und dennoch offenbart sich uns täglich der
Widerspruch, dass wir keine Einheit sind, dass es keine Kontinuität unserer Erfahrung gibt, dass wir
"viele" sind: der Wütende, der Traurige, der Liebende, der Ängstliche, der Fröhliche etc., dass "ein
Mensch zu sein, auch nur zu leben" immer bedeutet, "sich in einer Situation, in einem Kontext, in einer
Welt zu befinden" und "keinerlei Erfahrung" zu haben, "die beständig oder situationsunabhängig
wäre".32
Ouspensky formulierte dies in der Tradition des "Vierten Weges" Folgendermaßen: "Vor allem soll der
Mensch wissen, dass er nicht eine Einheit ist – er ist eine Vielheit. Er hat kein Ich, das einheitlich,
beständig und unwandelbar wäre. Er wechselt fortwährend."33 Demnach ist die Empfindung eines
bleibenden Ich nichts weiter als eine Illusion, hervorgerufen durch das Empfinden, ein
zusammenhängender Körper zu sein, durch die Identifikation mit einem bestimmten Namen und vor
allen durch mechanische Gewohnheiten, die wir uns durch Erziehung oder Nachahmung erworben
haben. Ziel der menschlichen Entwicklung könnte es sein, diese unzusammenhängenden, sich
widerstreitenden Ichs zu überwinden und zu einem kontinuierlichen Bewusstsein seiner selbst zu
gelangen. Auf dem Weg dahin steht dem Menschen "die dauernde Identifizierung mit dem, was in
einem bestimmten Augenblick seine Aufmerksamkeit, seine Gedanken oder seine Wünsche und seine
Einbildungskraft anzieht"34, im Wege.
29Roscher, Michael, Das Astrologiebuch. München 1989. S.130
30von Glasersfeld, Ernst, Radikaler Konstruktivismus. Frankfurt/Main 1997. S.128
31Varela/Thompson/Rosch, Der mittlere Weg der Erkenntnis. München 1995. S.89
32Varela/Thompson/Rosch a.a.O. S.89
33Ouspensky, P.D., Psychologie der möglichen Evolution des Menschen. München/Seeshaupt 1995. S.19
34Ouspensky, P.D., Auf der Such nach dem Wunderbaren. Bern/München/Wien 1991. S.218
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Und so bindet uns der Mond auf der einen Seite auf eine ganz persönliche Art und Weise an die Welt
und versorgt uns mit den Erfahrungen und Eindrücken, die wir benötigen, um überhaupt ein Gefühl
von Identität entwickeln zu können, während er uns auf der anderen Seite in die Identifikation führt,
der Abhängigkeit von den Situationen, in denen wir uns finden und denen wir uns ausliefern: "Der
Mensch nimmt alles so persönlich, als sei alles in der Welt eigens angeordnet worden, um ihm
Vergnügen zu machen, oder im Gegenteil, um ihm Unbequemlichkeiten und Unannehmlichkeiten zu
bereiten."35
Betrachten wir nun den Mond auf seiner Reise um die Erde und denken wir uns die Erde in alter
geozentrischer Tradition als den Mittelpunkt des Horoskops und damit als Verkörperung des
Individuums selbst, über welchem sich der Himmel mit seinen Gestirnen aufspannt. Wenn nun der
Mond am Punkt seiner maximalen Distanz von der Erde angekommen ist, bedeutet dies, dass er sich
am weitesten von der Subjektivität der Erfahrung entfernt hat: die Kraft der Identifikation mit der Welt,
die einen umgibt, ist hier am schwächsten. Lilith steht so gesehen für die Chance im Menschen, die
Abhängigkeit von der Identifikation mit der individuellen Wirklichkeit zu überwinden. Ihre Stellung in
den Häusern würde uns dann Einblick in jene Lebensbereiche gewähren, die uns diese Erfahrung am
besten vermitteln. Aspekte von Planeten zu Lilith zeigen Kräfte, die uns auf dem Weg zu wachsender
Befreiung von Identifikation behilflich oder hinderlich sein können. Besonders bedeutsam hingegen
sind Aspekte zwischen Lilith und Mond, da sie zeigen, wie stark in einem Menschen überhaupt der
Drang ist, sich von seinen rein persönlichen Belangen zu trennen und eine höhere Warte
einzunehmen. Generell gilt dann: Je näher der Mond an Lilith, umso leichter fällt es, sich von
Identifizierung zu lösen.
… beginnt die Befreiung des Besonderen.
Damit befinde ich mich im Grunde gar nicht so weit entfernt von der grundsätzlichen Aussage der
matriarchalisierten Lilith, die u.a. dazu angetan sein soll, "uns unbarmherzig … aufzuzeigen, wie sehr
wir Menschen auf die Befriedigung der Mondbedürfnisse angewiesen sind." Solche Mondbedürfnisse
wären dem traditionellen Bild dieses Prinzips nach z.B. Nahrung, Wärme, Schutz und Zugehörigkeit:
"Die Macht des Mondes besteht in unserer Fähigkeit, diese Bedürfnisse genau wahrzunehmen und für
deren Befriedigung zu sorgen".36 Eine Lilith, die ihre Bedeutung aus der Anschauung ihrer
himmelsmechanischen Gegebenheiten ableitet, zielt jedoch nicht mehr darauf, diese
Grundbedürfnisse bei Verleugnung und "Verdrängung ins Unbewusste" als Racheengel einzuklagen,
sondern genau im Gegenteil diese allgegenwärtige Reduzierung des Menschen auf die Befriedigung
seiner Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Schlafen, Sex), an die uns die Konsumgesellschaft gekettet
35Ouspensky, P.D. ebd. S.220
36Bachmann, Verena a.a.O. S.27
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sehen möchte, zu sprengen. Wenn also eine rebellische Kraft hinter Lilith steckt, dann die Befreiung
von der Identifikation, welche die Grundlage für die Strategie der Verdinglichung des Menschen
darstellt. Die Identifikation mit den eigenen persönlichen Bedürfnisse, wie sie im Mond potenziell
angelegt ist, führt ohne einen Ausgleich durch Lilith zu gnadenlosem Individualismus, zu Futterneid
statt Nahrung, zu Bequemlichkeit statt Wärme, zu Feigheit satt Schutz und zu Diskriminierung statt
Zugehörigkeit.
Befreit vom Klischee der Großen Göttin bietet sich der Mythos von Lilith in einem ganz anderen Licht
an, entwickelt seine Kraft an der Schnittstelle zwischen Individuum und Kollektiv: Sie zeigt uns, wo wir
im Horoskop die Voraussetzung finden, uns von den sozio-kulturellen Mythen, in die wir kraft der
Geburt hineingesponnen wurden, zumindest für Momente befreien zu können. Diese Momente, die
uns die Identifikation und damit die embryonale Abhängigkeit von dem System, in dem wir leben, vor
Augen halten, offenbaren uns, wie sehr wir gewohnt sind, uns dem Diktat der Vorgaben, Normen und
Konventionen rückgratlos zu beugen – diese Momente rücken unsere Eigenständigkeit, unsere
Einzigartigkeit und unsere Besonderheit als menschliches Individuum schlagartig in den Mittelpunkt
und fordern uns auf, unsere antrainierte Bequemlichkeit zu hinterfragen, unsere Konsumhaltung bei
der Suche nach einem Sinn in unserem Leben zu durchbrechen. Wir sind dann befähigt, uns selbst in
einem ganz neuen Licht zu betrachten: auf uns selbst gestellt, niemandes Knecht und niemandes Herr
– so wie Lilith einst die anheimelnde Idylle des Paradiesgartens verließ, um nicht die Rolle spielen zu
müssen, die man(n) für sie bestimmt hat. Außerhalb jenes Reservates der Identifikation kann sie nun
das erfahren, was eigentlich in ihr angelegt ist, sie schon immer war und was sich jedem Versuch der
Kategorisierung entziehen muss, um zu überleben.


