PDF* Vom Zufall in der Astrologie
Vom Zufall in der Astrologie
Zufall?
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Christopher A. Weidner – Vom Zufall in der Astrologie Seite 1 von 9
© Christopher A. Weidner 2002
Christopher A. Weidner
Vom Zufall in der Astrologie
und anderen Ungeheuerlichkeiten
(2000)
„Wenn der Mensch kein Bauer in den Händen eines allmächtigen und allwissenden Schachspielers
ist, dann ist er vielleicht etwas viel Bedeutsameres: ein Wesen, auf dem echte Verantwortung dafür
ruht, seine eigene Rolle im Universum zu übernehmen.“
J.G. Bennett
Zufall?
Sie träumen von einem Wirbelsturm – am nächsten Tag schalten Sie den Fernseher ein und in den
Nachrichten werden Bilder von einem verheerenden Hurrikan in Amerika gebracht … Zufall? Beim
Aufräumen fallen Ihnen Bilder aus vergangenen Schultagen in die Hand: ein alter Freund kommt
Ihnen wieder in den Sinn – wenige Minuten später klingelt das Telefon und es ist eben jener Herbert
… Zufall? Sie sitzen in einem Café und sinnieren über ihre Diplomarbeit zum Thema „Die japanische
Kunst des Serviettenfaltens“ – und justamente kommt das Gespräch am Nachbartisch wie von selbst
auf das Thema und beleuchtet eine Aspekt, den Sie noch gar nicht bedacht haben … Wirklich Zufall?
Geschieht uns dergleichen, steigen in uns ein Dutzend Fragen auf, allen voran: Was hat dies zu
bedeuten? Welche Botschaft steckt dahinter? Zufall – so sinniert man gerne – ist all das, was einem
„zu fällt“, und meint damit, dass wir solche Ereignisse magnetisch anziehen, dass diese Ereignisse auf
geheimnisvolle Weise zu uns „passen“.
Das Typische am Zufall ist jedoch sein unvermutetes und unbeabsichtigtes Eintreten, seine Grundund
Zwecklosigkeit. Letzterem Umstand verdankt der Zufall auch seine mangelnde Popularität, denn
dass etwas ohne Grund und ohne unser Dazutun geschieht, dies macht ein mulmiges Gefühl im
Magen, lässt uns verstört in einer Wirklichkeit zurück, die soeben einen Bruch erfahren durfte. Alles
muss doch irgendwoher herkommen und irgendwohin hingehen – der Zufall aber zerreißt die endlose
Kettung von Ursache und Wirkung, und dies verunsichert uns zutiefst. Ohne diese grundsätzliche
Ordnung des Warum und Wozu kann der Mensch scheinbar nur schlecht leben und der Zufall bedroht
diese Ordnung empfindlich. Ob in der Religion oder in den Wissenschaften: Immerzu suchten die
Menschen das Universum als ein Uhrwerk zu begreifen, welches das Pendel der Kausalität in einem
schläfrigen Tick-Tack zwischen Ursache und Wirkung hin und her schwingen lässt. Der Zufall bringt
dieses Pendel aus dem Rhythmus, stört die Gesetzmäßigkeit seines unverbrüchlichen Gangs – und
dies würde in letzter Instanz bedeuten, dass das Universum nicht so vollkommen ist, wie wir es gerne
hätten: abseits der Ordnung existierte dann eine andere Kraft, etwas Ungeregeltes, Wildes,
Chaotisches …
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Gott nimmt die Würfel in die Hand
Lange wurde man der Situation Herr, indem man die Existenz des Zufalls in das Reich der Fabel
verwies und die Unzulänglichkeit des Menschen als Grund für diesen Aberglauben anführte. Ein
Gegendämon wurde erschaffen, welcher als Laplace’scher Geist durch die Geschichte der
Naturwissenschaften geisterte und als perfekte Verkörperung der Sehnsucht nach einem
durchschaubaren und erklärbaren Weltbild die Forscherseelen mit Leidenschaft entfachte – bis er mit
der Geburtsstunde der Quantenphysik kurzerhand selbst zum Fabelwesen abgestempelt wurde. In
deren Konsequenz brachen die drei Pfeiler der klassischen Physik zusammen: Kausalität, Stetigkeit
und Objektivierbarkeit. Von nun grinste der Zufall wieder über den Tellerrand der Erkenntnis und
spuckte den Physikern und Philosophen gehörig in die Suppe.
„Gott würfelt nicht!“ wetterte einst Einstein und musste bald bei der Ehrenrettung des
deterministischen Universums vor seinen eigenen Ergebnissen kapitulieren. Kurz: Das 20.
Jahrhundert sah sich mit der Etablierung der Unsicherheit konfrontiert – und zwar endgültig.
Spätestens mit der Quantenmechanik musste die Wissenschaft anerkennen, dass es etwas in der
Natur gab, dass sich nicht berechnen ließ, eine Unbestimmtheit, die auf allen Ebenen der natürlicher
Organisation nachzuweisen war, eine innere Spontaneität, ein nie enden wollendes Chaos im Herzen
der Phänomene.
Und Gott selbst? Wusste der Schöpfer denn etwa nicht von Anfang an, welches Ende geplant,
welches Schicksal über das Universum verhängt ist? Oder könnte es vielleicht auch in Gottes
Universum ein Vielleicht geben?
„Von wannen diese Schöpfung sei gekommen/ ob sie geschaffen oder unerschaffen,/ Der auf sie
schaut im höchsten Himmelsraume,/ der weiß allein es, oder weiß ers auch nicht?“1 munkelt der Rig-
Veda geheimnisvoll und blickt in eine Zeit zurück, welche ebenso im Dunkeln liegt wie die Antwort auf
Frage, wo die Naturgesetze vor dem Urknall waren. Schöpfung – darin sind sich so gut wie alle
Mythen einig – ist das Ende eines Zustandes namens Chaos, aus welchem die Ordnung der Dinge auf
wundersame Weise hervorgegangen ist. Chaos – das ist hier nicht die alltägliche Unordnung oder die
blinde Zerstörung, sondern ein Zustand, in dem noch nichts entschieden, alles miteinander
ununterscheidbar vermischt, mithin alles möglich ist – ein unendlich großer Hort an Potenzialität, ein
„Urstoff“, zwar nicht nichts, aber doch dem Nichts verwandt. Und offensichtlich weiß der Mythos
etwas, was die Naturwissenschaft erst seit kurzem zu akzeptieren lernte: Das Chaos haben wir nie
zurückgelassen in den Urfernen vor der Schöpfung, es hat nie aufgehört zu existieren, sondern hat
dem Universum lediglich Platz gemacht, wie der Ozean einer kleinen Insel, und dies vielleicht sogar
nur auf Zeit. Am Rande der Schöpfung herrscht es noch, dort wo wir das Echo des Urknalls zu hören
glauben, jenseits des Horizontes unserer Erfahrung – und hin und wieder reckt es seinen Kopf in
unsere wohl sortierte Welt, um ihre Ordnung zu stören.
1zit. nach: Sproul, Barbara C., Schöpfungsmythen der östlichen Welt, München 1993. S.213
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Chaos ante portas
Als der Heilige Georg von Kappadokien nach Syrien kam, hatte in einem Teich „so groß wie ein Meer“
ein „Verderben bringender Drache“ seine Behausung. Dieser tyrannisierte die Bewohner des nahe
gelegenen Silena, „kam zu den Mauern der Stadt und verpestete die Luft, sodass viele umkamen.“
Kurz: Georg hatte nichts besseres zu tun, als den Drachen zu bezwingen. 2
Die Stadtmauer ist die Grenze zwischen der fest gefügten Ordnung aus Gewohnheit und
Überlieferung und der an ihre Gestade brandenden Unordnung des ungebändigten Lebens da
draußen, jenseits des Horizontes. Sie ist eine dünne Membran, eine permanente Schwachstelle,
zwischen ihren Mauerritzen droht das Chaos immer wieder in die Welt des Guten und Schönen zu
sickern.
Das Chaos, welches der Ritter Georg in Gestalt des Drachens bezwingt, bedeutet in einer Welt der
Ordnung Bedrohung, Zerstörung und Vernichtung: immer wieder fordert es die zerbrechliche Ordnung
des Menschen heraus – und immer wieder tauchen sie auf, die Retter der Ordnung, um den
Chaosdrachen in seine Schranken zu weisen, ihn wieder in den Abgrund jenseits des Horizontes zu
stürzen: der siegreiche Marduk, der strahlende Zeus, der Erzengel Michael und der Heilige Georg.
Das Universum ist und bleibt also dramatisch.
Astrologische Mogelei
Die schlichte, aber ergreifende Ordnung des Himmels schuf der Astrologie ihre Basis und bildet bis
heute die Wurzel ihrer Existenz: Aus dem Kontrast von „Chaos, Unvorhersehbarkeit und blinden Zufall
auf der Erde“ und „vollkommener Ordnung am Himmel“ 3 bezog sie ihre Kraft – und der Astrologe ist
demnach ein weiterer Ritter Georg, ein Erzengel Michael und sein Schwert nichts anderes als das
Horoskop. Die Beherrschung des Zufalls hat in der Astrologie Tradition: Das Zauberwort zur
Entzauberung des Zufalls heißt „Synchronizität“ und ist – wie so oft – aus der Werkzeugkiste des
Jungschen Weltbildes gekramt und leidlich strapaziert worden.
Der Synchronizitätsbegriff ist jedoch ein zweischneidiges Schwert, denn beständig läuft man Gefahr,
mit seiner Hilfe Kausalität durch die Hintertüre wieder hineinzumogeln, indem man etwa dem Zufall
selbst wieder „verborgene Abläufe und Prozesse“ unterstellt. Dies war schon Jung klar und so er
betont immer wieder die Akausalität der Synchronizität, d.h. das „ursachelose Angeordnetesein“, ein
„bloßes Vorhanden- oder Sosein“ der Gleichartigkeit psychischer und physischer Vorgänge außerhalb
der Ursache-Wirkung-Kettung, wobei es für den Beobachter einen verbindenden Sinn gibt. Für Jung
waren synchronistische Phänomene „Schöpfungsakte in der Zeit“4, entsprangen dem regellosen
Augenblick und nicht der Fügung – kurz, sie sind, was sie sind: Zufall!
2Vgl. Jacobus de Voraigne, Legenda Aurea. Zürich 1986. S.158ff.
3Rudhyar, Dane, Astrologie der Persönlichkeit, München 1979. S.37
4ebd. S.95
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Allerdings Zufall mit Bedeutung, und hier kommt ein weiterer interessanter Aspekt ins Spiel, nämlich
die Verbindung von Chaos, Zufall und Kreativität. Wenn der Zufall an sich keinen Sinn hat – dann
bleibt uns nur die Schlussfolgerung, dass wir selbst es sind, welche kraft unserer Kreativität ihm Sinn
verleihen.
Von Zufall und Wagnis
Es gibt offensichtlich Zufälle und Zufälle: solche, die für uns Sinn machen und solche, die dies nicht
tun, wobei der Unterschied nur in uns begründet ist, nicht im Vorkommnis selbst. Nun haben wir
bislang nur von Zufällen gesprochen, die im wahrsten Sinne des Wortes uns „zugefallen“ sind, denen
wir in einer gewissermaßen passiven Grundhaltung begegnen. Es gibt jedoch noch jenen Zufall, den
wir bewusst in Kauf nehmen, ja, ihn provozieren: diese Form des Zufalls finden wir z.B. im Spiel, im
Fall des Würfels, im Wurf der Roulettekugel, im Mischen der Karten, und natürlich: im Orakel, im Flug
des Vogels, in der Leber der Gans, im Kaffeesatz, in den geworfenen Runen, den
Schafgarbenstängeln, dem Tarot etc. Was Spiel und Orakel gemeinsam haben, ist ihr Bezug zum
Zufall, und zwar durch jenen Moment, in welchem der Zufall etwas für uns entscheidet: nun ist er
keine passive Angelegenheit mehr – wir mischen ihn auf aktive Weise in unser Leben hinein und
benutzen ihn zur Entscheidung. Zufall wird zum Risiko, zum Wagnis. Im Englischen unterscheidet
man deutlich zwischen diesen beiden Formen des Zufalls: chance meint den unvermuteten Zufall,
hazard5 hingegen jenen interessanten Fall, in dem wir mit dem Zufall zu arbeiten beginnen, und wir
die Unbestimmbarkeit des Augenblicks mit Bedeutung versehen.
Hazard verdeutlicht, dass es keine Garantie dafür gibt, dass die Welt nach einem göttlichen Plan
automatisch in die Beste aller denkbaren münden wird, dass nach Gottes Plan schon „alles gut“ wird.
Wenn wir akzeptieren, dass der Zufall die gesamte Welt durchzieht, müssen wir uns auch von der
Vorstellung eines allmächtigen und unfehlbaren Gottes verabschieden, der am Ende schon alles
richten wird. Es bedeutet, dass wir, die wir in der Lage sind, dem Zufall Bedeutung zu geben, auf dem
Weg zur idealsten aller Welten immer wieder vor Entscheidungen gestellt werden, vor Abzweigungen
und Verästelungen des Pfades, die keinerlei Aufschluss auf das Ziel geben und damit jede Wahl zum
Risiko werden lassen. Wir sind involviert im Drama des Universums, sind aktive Mitspieler, deren
Entscheidungen in jedem Augenblick das Gesamte beeinflussen können und damit den Weg für die
Zukunft ebnen.6
Interessanterweise besteht bei den meisten Menschen das Bedürfnis, diesem Wagnis aus dem Weg
zu gehen. Dahinter steckt die Angst vor der Herausforderung des Chaotischen, weil wir dann zugeben
müssten, dass unserem Leben etwas Unvollendeten, Unvollkommenen zugrundeliegt, welches das
Ich nicht kontrollieren kann.
5Das Wort stammt vermutlich aus dem Arabischen al-zar, später azzar und bedeutet „der Würfel“.
6Vgl. Bennett, J.G., Hazard, Santa Fe 1991. passim
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Das Symbol dieser Illusion der Sehnsucht nach Vollkommenheit ist der Kreis. In ihm offenbart sich die
Forderung nach Periodizität und zyklischer Entfaltung des Kosmos, nach Berechenbarkeit, welche als
Speerspitze den Chaosdrachen in seiner dunkles unterirdisches Reich zurückscheuchen soll – wohl
vergebens.
Wurmlöcher im Horoskop
Wie in der germanischen Mythologie der Drache Nidhöggr an den Wurzeln der Weltesche Yggdrasil
nagt, frisst das Chaos an den Grundfesten des Kosmos. Der Zufall ist der Sendbote des Chaos – sein
Auftrag: Gewissheiten zu zerstören und uns vor Entscheidungen zu stellen, welche unser Leben
maßgeblich beeinflussen werden, ohne deren Ausgang auch nur erahnen zu können.
Auch das Horoskop als Glyphe, welche in ihrem Rund das menschliche Dasein mit all seinen
Fassetten umfassen möchte, ist gebunden an eine durch und durch chaotische Welt – auch in ihm
müssen wir also dem Chaos Platz einräumen.
Zunächst aber besticht es durch perfekte Organisation: Der Tierkreis strahlt in makelloser Zeichnung
vom Firmament herab. Geprägt von erhabener Symmetrie ist er die Matrix aller Ordnung, der Kreis als
Gegenpol zum Chaos. Er bildet den astrologischen Horizont, das sichere Bollwerk gegen das Chaos.
Aber wie sicher ist er?
War der Lauf der Sonne und des Mondes für die meisten Völker Ausdruck höchster Ordnung am
Himmel, und damit in der Welt, so sahen sie einem Ereignis mit besonderer Furcht entgegen: der
Verdunkelung dieser beiden Ordnung stiftenden Gestirne – hier spiegelt sich am deutlichsten die
Furcht der Menschen wieder, dass der Kosmos von den Kräften des Chaos überwaÅNltigt werden
könnte. Auf der Ebene des Mythos treiben deshalb allerlei Ungeheuer ihr Unwesen, Dämonen, Wölfe,
Schlangen und Drachen, welche Sonne und Mond jagen und schließlich verschlingen. Diese
Ungeheuer finden sehr wohl ihren astrologische Niederschlag – und zwar in nichts anderem als den
beiden Mondknoten, bezeichnenderweise auch Drachenpunkte genannt.
Sollten die Mondknoten etwa Sinnbild jener geheimnisvollen Öffnung zum Chaos hin sein? Dies muss
zunächst verblüffen, denn diese beiden Schnittpunkten der Mondumlaufbahn mit der Ekliptik werden
bislang gerne in einem völlig komplementären Licht betrachtet – nämlich als Stellvertreter des auf
metaphysischer Ebene fortgesetzten Gesetzes der Kausalität, genannt Karma. Die Mondknoten
definieren „die karmischen Lektionen, die [der Mensch] … sich für dieses Leben ausgesucht hat“.7
Von Zufall also keine Rede. Der Sache näher kommt Melanie Reinhart, wenn sie schreibt: „Die
Mondknoten … sind … wie Zwischenräume, Löcher oder Punkte im Raum, die ich mir als Fenster zu
einer anderen Art von Raum und Zeit vorstelle. In der Physik gibt es den Begriff »Wurmlöcher«, die …
den Berührungs-, Eintritts- oder Austauschpunkt zwischen parallelen Universen darstellen.“8
Wurmlöcher – das hört sich schon ganz nach unserem Chaosdrachen an. Auch Thomas Ring moniert:
7Schulmann, Martin, Karmische Astrologie I, Neuhausen 1988. S.23
8Reinhart, Melanie, Die Mondknoten, Mössingen 1999. S.42
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„Die landläufigen Deutungen des Mondknotens … beachten nicht das Hereinragen einer anderen
Sphäre des Lebens in unsere normale, zodiakal ausgerichtete Bewusstseinswelt.“9 Was hier
hereinragt ist nichts anderes als die Sphäre des Chaotischen, welche die heile, „normale“ Welt
umschließt. An den Schnittpunkten dieser beiden Welten haben die Chance, wie Alice einen Blick in
das Land hinter den Spiegeln zu werfen, in dem die herkömmlichen Spielregeln auf den Kopf gestellt
sind, in dem alles möglich und nichts beschlossen ist.
Friss und werde!
Üblicherweise unterscheidet man zwischen einem aufsteigenden (nördlichen) und einem
absteigenden (südlichen) Mondknoten, der Erste wird Drachenkopf, der Zweite Drachenschwanz
genannt. In der Regel wird der Drachenkopf mit einem Entwicklungsziel, und der Drachenschwanz mit
vergangenen Inkarnationen in Verbindung gebracht – merkwürdig genug: sollte man das Leben etwa
vom Schwanze her aufzuzäumen? Rudhyar hingegen fasst diese Allegorie sinnfällig als Stoffwechsel
zusammen, und lässt die Mondknotenachse gar zu jenem „röhrenförmigen Kanal“ werden, der sich
vom Mund zum After erstreckt. Am Nordknoten wird aufgenommen - am Südknoten Abfall
ausgeschieden.10 So wird klar: Der Drachenkopf richtet seinen Blick auf das, was vor ihm liegt, auf die
noch zu bewältigende Aufgabe, während der Drachenschwanz das Verwertete, seiner Nährstoffe
beraubt und aufgelöst, wieder abgibt. Der alles entscheidende Unterschied zur Karma-Deutung der
Mondknoten besteht darin, dass wir nicht vom Südknoten in Richtung Nordknoten gedrückt werden,
von der Vergangenheit in die Zukunft, sondern vom dem, was sich am Drachenkopf offenbart, in
Richtung Zukunft gezogen werden! Wenn man so will, bestimmt nun nicht mehr die Vergangenheit
das Leben des Menschen, sondern seine Zukunft, also das, worauf er seine Absicht gerichtet hat.
Was uns aus dem Nordknoten entgegenströmt, ist reine Zukunft, reine Potenzialität, der Urstoff des
Lebens, in welchem keine Unterschiede existieren, das Chaos selbst. Hier beißen wir in das Chaos
hinein, absorbieren es, verinnerlichen es und werden dazu aufgefordert, daraus unser eigenes Leben
schöpferisch zu gestalten. Im Südknoten geben wir das verbrauchte Material wieder frei, entledigen
uns aller Gewohnheiten, aller festen Vorstellungen und Gewissheiten, und zwar um Platz zu schaffen
für neue Nahrung aus dem Chaos, welche durch die Transformation in unserem „Lebenskörper“ Sinn
und Gestalt bekommt. Denken Sie sich einen Regenwurm, welcher mit seinem Maul in die frische
Erde beißt und an ihrem Hinterteil verbraucht wieder freigibt – er stößt sich am Vergangenen ab und
genau dies ist das Geheimnis seiner Fortbewegung! Unser Leben vielleicht so etwas wie eine
Durchgangsstation für das Chaos, denn am anderen Ende setzen wir nichts anderes als wiederum
Chaos frei – Zufälle, die nun keine Bedeutung mehr für uns haben – aber vielleicht für andere …
9Ring, Thomas, Astrologische Menschenkunde, Band III, Freiburg 1969. S.413 (Fußnote 56)
10Vgl. Rudhyar,Dane a.a.O. S.359f
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Am Kreuzweg
Am nördlichen Mondknoten – dem Drachenkopf – begegnen wir dem Zufall auf unsere ganz
spezifische Weise, während wir ihn am südlichen Mondknoten (Drachenschwanz) wieder ins Chaos
entlassen: dies ermöglicht es uns, unserem Leben einen Prozess zu verleihen, das Zufällige, immer
Neue und Ungewisse in uns auf zu nehmen und gemäß unserer Anlage zu strukturieren.
Die Position der Mondknotenachse verrät uns dabei, wie wir mit dem Zufall umgehen, welche
grundsätzliche Haltung wir ihm gegenüber einnehmen – und damit zeigt sie uns auch, wie wir mit dem
Zufall umgehen könnten, um ihn zu hazard zu machen – zu jenem kostbaren Augenblick, an dem wir
das Chaos entscheiden lassen, welchen Weg wir einschlagen, welche Wahl wir treffen werden. Jener
Augenblick der Öffnung auf das Ungewisse hin also, vor dem die meisten Menschen flüchten und sich
dadurch viele Chancen zur sprunghaften Verbesserung ihres Lebens verbauen, indem sie lieber „auf
Nummer sicher“ gehen.
Vier Positionen und damit vier Grundhaltungen kann man – ausgehend vom aufsteigenden
Mondknoten in den Häuserquadranten – unterscheiden.11 Keine dieser vier Haltungen aber zeugt von
einem schöpferischen Umgang mit dem Chaos, denn in jedem Fall wird davon ausgegangen, dass der
Zufall geschieht und uns nichts weiteres übrig bleibt als auf ihn zu reagieren. Der Opportunist, der
Pessimist, der Realist und der Optimist – sie alle nützen den Zufall nicht aktiv, lassen sich treiben als
Spielball auf den Wellen, anstatt sich auf die Welle aufzuschwingen und sich von ihr ein Stück weit
tragen zu lassen.
Wenn wir vorwärts kommen wollen mithilfe des Zufalls, dann müssen wir offensichtlich das andere
Ende berücksichtigen lernen – den Schwanz des Drachen. Dieser befindet sich naturgegeben stets im
gegenüberliegenden Quadranten und steht für die Herausforderung, den Zufall wieder loszulassen,
durch Lernen, Hilfe, Kampf und Opfer.12
1. Der Drachenkopf (aufsteigende Mondknoten) im ersten Häuserquadranten: Opportunismus
…
Hier hält man den Zufall für prinzipiell unbegreiflich, für etwas, auf das man keinen Einfluss geltend
machen kann – denn der Zufall ist Bestandteil der Welt und als solcher in allen Phänomenen wirksam.
Es kommt wie es kommt und wir müssen uns damit abfinden. Das Resultat ist eine Art
Opportunismus, welcher sich keine Gedanken macht, wie der Zufall in die Welt kommt, sondern sich
an die Situationen angleicht, welche einem serviert werden – man hat halt „Glück“ oder „Pech“ gehabt.
11Diese vier Grundhaltungen sind hier als vier Extreme aufgeführt. In der Interpretation des Einzelfalls müssen
weiter Faktoren berücksichtigt werden: Neben der Hausstellung auch die Herrscherverhältnisse und die Aspekte.
Zusätzlich scheint die Mondknotenasche auf der Ebene der Umsetzung eine enge Verbindung zum
Dreiergespann Neptun-Uranus-Pluto im Sinne des vierten Regelkreises der Transpersonalen Astrologie nach
Roscher zu besitzen.
12 Zur Vertiefung dieser Ideen empfehle ich Bennett, John G., Transformation oder die Kunst sich zu wandeln.
Pittenhart 1978.
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… und der Drachenschwanz (absteigende Mondknoten) im dritten Häuserquadranten: Lernen.
Die Herausforderung des dritten Quadranten besteht darin, aus dem Zufall zu lernen, ihn nicht einfach
geschehen zu lassen, sondern ihn als ein Geschenk hinzunehmen, welches ausgepackt werden
möchte: dann entfaltet sich vor unserem staunenden Auge ein Potenzial an Gelegenheiten, zwischen
denen wir wählen können – und nicht mehr das „erste Beste“ in Kauf nehmen müssen.
2. Der Drachenkopf (aufsteigende Mondknoten) im zweiten Häuserquadranten: Pessimismus …
Bei dieser Position hat man einen sehr innigen Bezug zum Zufall und hält ihn prinzipiell für begreifbar
– geht jedoch davon aus, dass das Ungewisse in einem selbst begründet liegt und dadurch der
positive Ausgang eines Zufalls von einem selbst abhängt: wenn es einem gut geht, dann geschieht
einem auch Gutes, wer dagegen miesepetrig durch die Gegend läuft, dem wird auch überall nur Übles
begegnen. Die Arbeit mit dem Zufall wird so zu einem ununterbrochenen Kampf gegen die eigenen
negativen Gefühle – und kann daher im schlimmsten Falle zu einem dumpfen Pessimismus führen,
wenn man das eigene Selbstwertgefühl von guten und von schlechten Launen abhängig macht.
… und der Drachenschwanz (absteigende Mondknoten) im vierten Häuserquadranten: Hilfe.
Mit dieser Konstellation geht es darum zu sehen, dass wir uns nicht für alles im Leben verantwortlich
machen können, sondern dass es etwas gibt, was von außen auf uns zu kommt, ohne dass wir etwas
dafür können. Der Zufall ist dann wie die hilfreiche Hand Gottes, die sich uns aus den Wolken
entgegenstreckt, oder mag eine jener freundlichen Märchengestalten „aus heiterem Himmel“ sein,
welche uns in der dunkelsten Stunde unseres Lebens begegnen und uns drei Wünsche gewähren.
Um diese Art der Hilfe erfahren zu können, muss sich jedoch davon befreien, sich für alles und jedes
die Schuld zu geben und zu verstehen, dass das Universum für jeden ein „Schmankerl“ bereit hält.
3. Der Drachenkopf (aufsteigende Mondknoten) im dritten Häuserquadranten: Realismus …
Diese Stellung verleiht einem Menschen den Drang, sich dem Zufall auf geistiger Ebene zu stellen: er
muss erfassbar sein, hat aber in erster Linien nichts mit einem selbst zu tun, sondern „fällt“ einem
eben von da draußen her „zu“. Wer also mit dem Zufall arbeiten möchte – so glaubt man hier –, muss
sich in erster Linie den geistigen Durchblick verschaffen, was am Ende nichts anderes bedeutet, dem
Zufall mit Realismus beizukommen, da man ihn prinzipiell für berechenbar hält.
… und der Drachenschwanz (absteigende Mondknoten) im ersten Häuserquadranten: Kampf.
Hier besteht die Herausforderung darin, sich von der Distanz zu lösen, mit welcher man sich
krampfhaft den Zufall vom Leibe halten möchte. Die Erfahrung zeigt schließlich, dass Menschen, die
alles unter Kontrolle haben möchten, jeden ihrer Schritte im Voraus planen möchten, auch nicht
erfolgreicher sind als jene, welche sich blindlings in den Zufall stürzen. Es geht also darum, auch auf
die Stimme der eigenen Intuition zu hören, und nicht nur auf die der Vernunft. Das Wesen des Zufalls
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ist spontan und unkalkulierbar – er fordert zum Angriff heraus, will erobert werden, ohne lange zu
„fackeln“.
4. Der Drachenkopf (aufsteigende Mondknoten) im vierten Häuserquadranten: Optimismus …
Hier ist man insgeheim überzeugt, dass Zufall auf das Wirken unbegreiflicher, außerpersönlicher
Kräfte zurückzuführen ist, welche sich nicht in die Karten schauen lassen. Damit gesteht man dem
Wirken des Zufalls eine Struktur zu, welche den menschlichen Verstand zwar übersteigt, dass aber
schon „alles gut“ wird, wenn man nur vertraut.
… und der Drachenschwanz (absteigende Mondknoten) im zweiten Häuserquadranten: Opfer.
Der Zufall ist zwar ein Geschenk – aber nicht nur eins, dass vom Himmel fällt und wir müssen nur die
Hände aufmachen: hier werden wir zur aktiven Teilnahme am Leben herausgefordert, anstatt darauf
warten, dass irgendwann schon das „Richtige“ passiert. Dahinter verbirgt sich die Angst, etwas
bezahlen zu müssen, und so wartet man lieber darauf, bis man direkt angesprochen wird, anstatt sich
aufzuraffen und selbst die Frage zu formulieren. Man muss hier etwas von sich opfern, etwas aus sich
heraus darreichen, sich einbringen – und damit bereit sich, sich zu verändern. Wer auch immer sich
dem Zufall absichtlich zuwendet, der wird nicht länger warten, bis sich sein Schicksal von selbst erfüllt
– er wird es selbst in die Hand nehmen.
Ideenfischen im Chaos
Ein altes deutsches Wort für Schicksal lautet aventiûre, in unserem Sprachgebrauch ist nur mehr das
Abenteuer übrig geblieben, gemeint ist eine Unternehmung, dessen Ausgang ungewiss ist, dessen
Herausforderung jedoch Ruhm und Ehre in Aussicht stellte. Das Leben kann als Schicksal in diesem
Sinne aufgefasst werden – es ist ein Abenteuer und wir wissen nicht, was hinter der nächsten
Wegbiegung lauert. In dem Augenblick, in dem wir uns der Herausforderung des Zufalls stellen und es
heißt: faites vos jeux, folgt unweigerlich ein rien ne va plus. Dann führt der Zufall Regie.
Die Symbolik der Mondknotenachse verbindet uns zutiefst mit diesem Abenteuer – sie zeigt uns, dass
wir in der Lage sind uns aus der Knechtschaft unserer Gewohnheiten und Bedingtheiten befreien
können, indem wir unsere Existenz nicht mehr aus der Vergangenheit, sondern aus unserer Zukunft
ableiten. Das Zeitalter des Zufalls hat begonnen, und mit ihm ist auch ein anderer Blickwinkel auf die
Astrologie immer stärker von Nöten. Zufall ist ein kostbarer Augenblick, der für Momente das Chaos
als gewaltigen Hort schöpferischer Kraft aufblitzen lässt: „Der schöpferische Akt besteht darin, dass
wir das Netz der Imagination in den Ozean des Chaos werfen, auf dem wir treiben, und versuchen,
Ideen herauszufischen.“13 Das Wagnis im Zufall verbindet uns aktiv mit dieser Quelle und beflügelt
unser Bewusstsein, lässt uns die Zukunft selbst in die Hand nehmen.
13Sheldrake, Rupert/McKenna, Terence/Abraham, Ralph, Denken am Rande des Undenkbaren, München 1995.
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