PDF* Die Kunst das Puzzle des Lebens zu lösen
Die Kunst das Puzzle des Lebens zu lösen
Der Mensch im Mittelpunkt
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Christopher A. Weidner – Puzzle des Lebens Seite 1 von 11
© Christopher A. Weidner 2002
Christopher A. Weidner
Die Kunst, das Puzzle des Lebens zu lösen
(2000)
Der Mensch im Mittelpunkt
Astrologie ist eine Kunst, die sich stets an den Bedürfnissen des Menschen ausgerichtet hat: sie
benutzt die berechenbaren Zyklen der sich rhythmisch entfaltenden Ordnung des Himmels, um aus
dem chaotischen Dahinströmen der Ereignisse auf der Erde, dem ungeregelten Fluss des Erlebens,
"eine einigermaßen dauerhafte, regelmäßige Welt zu konstruieren."1 Das Versprechen der Astrologie
ist größere Kohärenz für das eigene Leben und die Einlösung dieses Versprechens kondensiert in der
Betrachtung des Horoskops. Da die Mehrheit der Menschen diesem Gewirr an Linien und Zeichen
kaum Sinnhaftigkeit zu entreißen vermag, sucht der Horoskopeigner die Unterredung mit dem
Experten, dem Horoskopdeuter: die so genannte astrologische Beratung. Dieses Zwiegespräch wird
zum Umschlagplatz für das gewünschte Gut: das Wissen um die übergeordneten Zusammenhänge,
welche das eigene Leben fördern und den Weg aus der Vergangenheit in eine verheißungsvollere
Zukunft ebnen sollen.
Keine andere astrologische Tätigkeit spiegelt das Wesen der Astrologie so intim wieder wie eine
Beratung: Jede Theorie, jede Technik, so klug und ausgefeilt sie auch sein mag, wird hier auf den
Prüfstein gelegt und muss zeigen, ob sie der Erfahrungswelt der Menschen standhält und "uns
befähigt, Vorhersagen zu machen und gewisse Phänomene zu bewerkstelligen oder zu verhindern."2
Kurz: ob sie eine passende Antwort auf die Lebenssituation des Rat Suchenden geben kann oder
nicht. Eine Antwort "passt", wenn wir sie wie einen Schlüssel im Schloss umdrehen können, das die
Türe zur Zukunft eines Menschen öffnet. Leistet sie diesen Dienst nicht, mag sie vielleicht interessant,
bemerkenswert oder sogar genial sein – aber sie lebt am Menschen selbst und dem Versprechen der
Astrologie, seine Bedürfnisse zu klären und seine Erlebnisse zu steuern, vorbei.
1von Glasersfeld, Ernst, Einführung in den radikalen Konstruktivismus, in: Watzlawick, Paul (Hg.), Die erfundene Wirklichkeit.
München 1985. S.30
2ders. S.22
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Die Überwindung des Leidens
In den seltensten Fällen wird ein wirklich zufriedener Mensch sich die Mühe machen und die oft nicht
unerhebliche Kosten auf sich nehmen, um den Rat eines Astrologen zu suchen. Grundsätzlich wird
der Rat Suchende aus einer Situation des persönlichen Mangels kommen, des Leidens.
Leiden ist hier in einem weniger pathetischen Sinne gemeint: in diesem Ausdruck bündelt sich jene
inneren Bedrängnis, die jeder von uns in gewissen Momenten der Bewältigung des Alltags empfindet.
Entscheidend ist dabei weniger die Schwere des Umstands, sondern vielmehr die allen Situationen
des Leidens gemeinsame Empfindung, dass wir unser Leben nicht selbst in der Hand haben, dass wir
es erleiden müssen. Vielleicht scheint sogar das Leben selbst ins Stocken geraten und wir
aussichtslos vom gegenwärtigen Augenblick absorbiert zu sein: wir hängen zwischen der
Vergangenheit, in die wie nicht mehr zurück können, und der Zukunft, die für uns verschlossen
scheint, fest. Was wir uns verständlicherweise wünschen ist Abnabelung und Befreiung – den Impuls
zur Überwindung des Leidens, die Öffnung der Zukunft, ein Veränderung.
Veränderung ist ein problematischer Begriff: auf der einen Seite ist es das, was wir suchen,
andererseits fürchten wir sie, denn sie bedeutet oftmals mehr als nur bestimmte Dinge künftig zu
unterlassen. Gerade das Horoskop offenbart immer wieder, wie vernetzt unsere Eigenschaften sind,
dass der Mensch "ein komplexes Wesen" ist, "in dem alle Teile wechselseitig aufeinander bezogen
sind, sodass es unmöglich ist, einen Teil zu ändern, ohne alles zu beeinflussen."3 Dann geht es
unbequemerweise in einer Beratung nicht mehr um Kosmetik, darum, "wie wir die eine oder andere
Seite unseres Charakters verbessern können"4, sondern um eine tief greifende Veränderung, eine
"Transformation". Dann wird hinter dem Wunsch, das gegenwärtiges Leiden zu überwinden, der
Drang zur Selbstvervollkommnung spürbar.
Das Leben – ein Tablett glitzernder Snapshots
Zunächst einmal aber taucht der "Klient" mit einem Puzzle seines Lebens in der Hand beim
Astrologen auf. Dieses Puzzle ist ein treffendes Bild für den Zustand der meisten Menschen der
heutigen Zeit. Es kreist um etwas, das wir gerne das eigene Leben nennen.
Die Menschen der Gegenwart sind beseelt davon, sich den Wunsch nach einem eigenen Leben zu
erfüllen: "Das alltägliche Ringen um das eigene Leben ist zur Kollektiverfahrung der westlichen Welt
geworden. In ihm drückt sich die Restgemeinschaft aus."5 Individualität ist das Zauberwort: "Alles
3Bennett, John G., Transformation oder die Kunst sich zu wandeln. Pittenhart 1978. S.15
4ebd.
5Beck, Ulrich et. al., Eigenes Leben. Ausflüge in die unbekannte Gesellschaft, in der wir leben. München 1997. S.10
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vollzieht sich nach dem Schauspiel des Einmaligen in den Kostümen des Persönlichen und
Individuellen".6
In der Vorstellung vom eigenen Leben schwingt etwas unsere Identität umfassendes mit: alles was
von unserem eigenen Leben berührt wird, soll die unverwechselbaren Merkmale unserer
Persönlichkeit tragen: das eigene Heim, das eigene Geld, der eigene Beruf, die eigenen Kinder, der
eigene Partner, das eigene Auto usw. Die Erfahrung des gesellschaftlichen Alltags aber widerspricht
dieser Vorstellung zutiefst – wir werden als Mensch in unpersönliche Funktionen zersplittert, sind
Wähler, Studenten, Patienten, Steuerzahler, Rentner, Schüler, Männer, Frauen, Kinder etc., oder wie
Arno Schmidt schrieb:
"Mein Leben?!: ist kein Kontinuum! (nicht bloß durch Tag und Nacht in weiß und schwarze Stücke
zerbrochen! Denn auch am Tage ist bei mir der ein Anderer, der zur Bahn geht; im Amt sitzt; büchert;
durch Haine stelzt; schreibt; Tausendsdenker; auseinander fallender Fächer, der rennt; raucht; kotet;
radiohört, "Herr Landrat" sagt; That's me!): ein Tablett voll glitzernder Snapshots."7
Die Persönlichkeit des Einzelnen wird immer weniger als Gesamtheit herausgefordert, wir werden zu
"permanenten Wanderern zwischen den Funktionswelten"8, zu "Driftern". Zwischen diesen Welten
bleibt ein schmaler Hohlraum, eine Leerstelle, die es krampfhaft gilt, mit eigenem Leben anzufüllen.
Aber dieses Stück eigenen Lebens unterliegt nicht einmal persönlicher Kontrolle, sondern wiederum
den Prozessen der Vergesellschaftung:
"Das eigene Leben hängt z.B. ab von Kindergartenöffnungszeiten, Verkehrsanbindungen, Stauzeiten,
örtlichen Einkaufsmöglichkeiten usw., von den Vorgaben der großen Institutionen: Ausbildung,
Arbeitsmarkt, Arbeitsrecht, Sozialstaat; von den Krisen der Wirtschaft, der Zerstörung der Natur
einmal ganz abgesehen. Manchmal muss nur die Oma, die die Kinder hütet, ausfallen, und die
windigen Konstruktionen des eigenen Lebens brechen in sich zusammen."9
Das frei schwebende, selbstbestimmte, dem Ich und seinen Vorlieben allein verpflichtete Leben – es
ist eine Illusion, und nichtsdestoweniger die tägliche Forderung.
Früher wurden Menschen in bindende Traditionen hineingeboren, welche ihnen gewissermaßen
ausgetretene Pfade als gangbare Wege offerierten. Auch der moderne Mensch ist nicht weniger in ein
Dickicht aus Vorgaben eingebunden, sobald er das Licht der Welt erblickt, doch die modernen
Vorgaben verlangen eine Selbstorganisation des eigenen Lebens und machen damit Erfolg oder
Scheitern von der Fähigkeit des Einzelnen abhängig, die Existenz mit immer weniger Hilfe von außen
in den Griff zu kriegen: Schlagwort "Mut zur Eigenverantwortung".
6Beck, Ulrich a.a.O. S.9
7Schmidt, Arno, Aus dem Leben eines Fauns. Zitiert nach: Beck, Ulrich a.a.O. S.10
8Beck, Ulrich a.a.O. S.10
9Beck, Ulrich a.a.O. S.11
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Eigenes Leben – das heißt sich einem endlosen Experiment auszuliefern, in einer Zeit in der
Lebensführung historisch vorbildlos geworden ist. Das Zerbrechen der kollektiven
Rahmenbedingungen fragmentiert fortschreitend das, was wir uns mühevoll aufbauen, und verlangt
gleichzeitig von uns flexibel genug, "fit" genug zu sein für das unaufhörliche Changieren des
Zeitgeistes. So schwebt über allem, was uns Menschen heute passiert, eine Frage, wie die Matrix aller
Fragen, mit denen wir konfrontiert werden: "Wie lassen sich langfristige Ziele in einer auf
Kurzfristigkeit angelegten Gesellschaft anstreben? Wie sind dauerhafte soziale Beziehungen
aufrechtzuerhalten? Wie kann ein Mensch in einer Gesellschaft, die aus Episoden und Fragmenten
besteht, seine Identität und Lebensgeschichte zu einer Erzählung bündeln?"10
Ein roter Faden im Labyrinth der Veränderung
Das ethische und emotionale Driften, welches synonym geworden ist mit "Veränderung", erzeugt
einen Konflikt zwischen den alltäglichen Erfahrungen, die von Zusammenhangslosigkeit geprägt sind,
und dem Charakter des Menschen, den wir als etwas Stabiles empfinden möchten. Tatsächlich wird
die Fähigkeit der Menschen bedroht, "ihre Charaktere zu durchhaltbaren Erzählungen zu formen."11
Hier kommt Astrologie ins Spiel. Denn das Horoskop erzeugt eine Identität, einen roten Faden im
Leben des Individuums. Das Horoskop eines Menschen begleitet ihn von der ersten bis zur letzten
Stunde und verändert dabei seine Gestalt nicht: ob er nun fünf, fünfundzwanzig oder fünfzig Jahre alt
ist. So kann es zur Landkarte des eigenen Lebens werden, zum schöpferischen Impuls für die
Entdeckung eines Charakters, der die Erzählung unseres Lebens zusammenhält.
Veränderung ist die grundlegende menschliche Erfahrung der Gegenwart. Doch ihre Bedeutung ist
ambivalent: Auf der einen Seite brauchen wir sie, um in problematischen Situationen Zukunft zu
ermöglichen, auf der anderen Seite erleben wir sie als Verlust an Kohärenz im Leben, welche gerade
dieses Leiden hervorruft. Die Antwort hängt davon ab, mit welcher Haltung ich dem unablässigen
Strom des Wandels begegne: Sehe ich mich als Dirigent meines Lebens, dem es gelingt, die eigenen
Absichten mit dem großen Fluss der Zeit zu amalgamieren, oder betrachte ich mich als Treibholz auf
den Wellen der Zeit, dem nichts anderes übrig bleibt, als mechanisch auf die gesetzten Standards zu
reagieren.
Dies ist die eigentliche Wahl in unserem Leben und hier steckt die große Chance der Astrologie: sie
kann die Einsicht vermitteln, dass niemand als Treibholz geboren wird, sondern als Schöpfer seines
eigenes Lebens.
10Sennett, Richard, Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin 1998. S.31
11ders. S.37
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Wie löst man das Puzzle?
Zwei grundsätzliche Haltungen zum Horoskop kann ich als Astrologe einnehmen, um dem Rat
Suchenden beim Lösen des Puzzles seines Lebens zu helfen.
Die eine Haltung erklärt dem Horoskopeigner, dass sein Puzzle das Ergebnis bereits in sich trägt.
Anders gesprochen wird die Radix als eine Struktur aufgefasst, "auf die hin wir uns entwickeln
müssen, um 'heil', 'ganz' oder 'im Einklang mit unserer innersten Natur' … zu sein."12 Das Horoskop
enthüllt dieser Ansicht nach, "wie wir sein sollen, es ist eine 'Instruktion' und bezieht daraus auch
seine Fruchtbarkeit für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit: es hilft uns auf dem Wege der
Selbstfindung, auf dem Wege, zu dem zu werden, was wir 'eigentlich' sind."13 So wie ein klassisches
Puzzlespiel nur eine Lösung kennt, legt das Horoskop den Menschen auf ein Klassenziel fest, auf
welches sich sein Leben im Grunde ganz mechanisch entwickeln würde, wenn der Mensch nicht die
Freiheit hätte, sich gegen den Strom des Lebens zu stellen.
Im Gegensatz zu dieser Auffassung steht das Horoskop als reine Möglichkeitsstruktur, die nicht
vorgibt, was sein soll, sondern lediglich was sein kann. Aus dieser Sicht kann der Sinn des Lebens
nicht im Horoskop gefunden werden, sondern ist von der Anstrengung des Horoskopeigners
abhängig: er muss erst geschaffen werden. Außer rudimentären Anlagen findet der Mensch nichts in
seinem Horoskop: das Puzzle besteht lediglich aus einer bestimmten Anzahl bunter Teile, die einen
Vorschlag zur Gestaltung in sich trägt, aber kein definitives Ziel. Das Zusammensetzen des Puzzles
wird zu einem kreativen Akt nach Art eines Mosaikbildes, dessen letztendliche Gestalt das Ergebnis
eines schöpferischen Prozesses ist und nicht des Erfüllens einer Vorlage.
Nicht das Einhalten von Instruktionen ist dabei wichtig, sondern überhaupt auf die Entstehung eines
zusammenhängenden Bildes zu achten, um nicht in Beliebigkeit zu driften und wahllos Stein an Stein
zu legen – das Bild für die fragmentierte Persönlichkeit unserer Zeit. Diese Haltung zur Astrologie
spiegelt genau jene Grunderfahrung unserer Zeit wieder: es gibt keine übergeordneten
Metaerzählungen mehr, auf deren Heilsversprechen wir uns verlassen können. Stattdessen sehen wir
uns mit der Aufgabe betraut, unser Leben selbst zu gestalten. Doch das Horoskop muss uns nicht
automatisch in die Abhängigkeit von übergeordneten Normen zurückführen und damit in den Glauben
eines wie auch immer gearteten Determinismus – es zeigt uns zugleich, das wir die Kraft haben, unser
Leben selbst in die Hand zu nehmen.
12Niehenke, Peter, Astrologie. Eine Einführung. Stuttgart 1994. S.218
13ebd.
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Zum eigenen Leben berufen sein
Das Horoskop ist die Lautschrift eines inneren Rufes – nicht mehr. Über die Jahre hinweg mag dieser
innere Ruf immer wieder versuchen, sich Gehör zu verschaffen. Er formuliert sich in den Visionen und
Träumen unserer Kindheit und wirkt als eine starke Motivation, unserem Leben eine eigentümliche,
unverwechselbare Richtung zu geben, etwas Besonderes zu werden, nämlich das, was nur wir
werden können. Im Laufe des Lebens aber verhallt für viele dieser Ruf ungehört im Alltag: sie halten
ihre Wünsche und Sehnsüchte für unvernünftig und suchen sich lieber an den äußeren Bedingungen
zu orientieren, sich ihnen anzupassen. Spätestens hier schnappt die Falle zu: gerade diese äußeren
Bedingungen können, wie gezeigt, gar nicht mehr in der Lage sein, als Leitbild für den Weg in die
Zukunft zu fungieren. Während für viele Menschen sich der innere Ruf in einen frommen Wunsch wie
der Glaube an den Weihnachtsmann gewandelt hat und sich damit abgefunden haben, immer
zielloser in die Zukunft hinein zu driften, wäre es genau die Wahrnehmung jenes inneren Rufes, die
uns Identität und Kohärenz aus eigener Kraft verleihen könnte.
An sich aber bietet der innere Ruf kein Ziel und auch keinen Plan – er ist vielmehr eine vorwärts
drängende Kraft, die uns immer wieder in Situationen führt, in denen wir die Chancen haben, das
Besondere in uns zur Entfaltung zu bringen und schließlich ein Ziel, eine Berufung, zu wählen. Von
diesem Augenblick an werden wir nicht mehr in die Zukunft gedrängt, sondern von einem leuchtenden
Bild dorthin gezogen.
In meinen Augen ist das Horoskop das kristallisierte Abbild dieses inneren Rufes, es ist die
Schallplatte, auf dem seine Stimme eingraviert ist – ich muss sie nur zum Klingen bringen. Dann kann
das Horoskop einem Menschen wertvolle Hilfe bei der Wiederbelebung jener ursprünglich in ihm
angelegten Idee leisten. Viele Menschen kommen gerade dann in eine astrologische Beratung, wenn
sie den inneren Ruf - oft nach langer Zeit wieder – wie einen Stachel in sich spüren und er sie
unzufrieden und ruhelos mit den äußeren Umständen zurücklaÅNsst, wenn sie begreifen, dass sie sich
nicht auf die mechanische Entwicklung der Dinge, die alles schon richten wird, verlassen können. Das
Horoskop kann diesen ungeordneten Impuls auffangen und ordnen – und ermöglicht so eine
Rückbindung an den inneren Ruf. Die astrologische Beratung kann helfen, diese noch blinde Kraft mit
den eigenen Absichten zu verbinden und so den Sprung in das wirklich eigene Leben zu organisieren.
In neun Schritten zur Zukunft
Was kann ich als Astrologe außer einer angemessenen Haltung beitragen? Die Motivation des
Horoskopeigners, seinem Leben eine Wendung zu geben, ist eine starke Kraft – aber sie hat keine
Richtung. Wie kann ich dieser Kraft mithilfe des Horoskops eine Richtung verleihen?
Die Antwort ist so einfach wie schwierig: Wir brauchen ein Ziel, ein Ideal, auf das hin wir die Kraft
kanalisieren können. "Was uns vorwärts zieht, sind nicht abstrakte moralische Prinzipien, sondern das
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Ideal, wie es sich in den Helden und Heiligen früherer Zeiten verkörpert hat."14 Wir müssen uns
gewissermaßen zutrauen, zum Helden unserer eigenen Lebensgeschichte zu werden: "Auf diese
Weise gewinnt das innere Potenzial zur Transformation, das in jedem Menschen existiert, Gestalt. Es
ist das Ideal, das jeden von uns ruft."15
Eine Beratung trägt die Chance in sich, eine absichtliche Veränderung im Menschen in Gang zu
setzen. Um dieser Chance gerecht zu werden, ist es notwendig, eine Strategie zu entwickeln, um die
Kraft der Motivation zu organisieren und in die Dienste unserer Absichten zu stellen. Im Folgenden
möchte ich das Enneagramm in der Tradition des "Vierten Weges" als Planungshilfe einer Beratung
vorstellen (vgl. Abbildung 1).
1916 taucht das Enneagramm als ein universales Diagramm zur Deutung von dynamischen
Prozessen in russischen Studiengruppen von Gurdjieff auf – vermutlich das erste Mal. Uns interessiert
hier aber weder seine Herkunft noch die Ideologie einzelner Schulen, die an das Enneagramm
geknüpft werden: wir wollen es im klassischen Sinne zur Analyse und Organisation von
Handlungsabläufen benutzen. Gurdjieff sagte einmal: "Alles Wissen kann im Enneagramm
zusammengefasst werden und mit seiner Hilfe gedeutet werden." Praktisch bedeutet dies, dass wir
einen Prozess in neun aufeinander folgende Schritte gliedern und jedem Schritt einen der neun
Punkte des Enneagramms zuordnen. Als Ergebnis erhalten wir eine Struktur, welche die einzelnen
Schritte des Prozesses auf eine bestimmte Art und Weise zueinander in Beziehung setzt und
bewertet. In einem gewissen Sinne organisiert das Enneagramm die Informationen, die in das Symbol
hineingelegt werden, neu und ermöglicht so eine Verfeinerung und Optimierung des Vorgangs.
14Bennett a.a.O. S.105
15ebd. S.106
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Abbildung 1: Das Enneagramm als Symbol zur Beschreibung von Prozessen.
Das Enneagramm besteht aus drei Komponenten: dem Kreis, dem Dreieck (3 – 6 – 9) und dem
Sechseck (1 – 4 – 2 – 8 – 5 – 7 – 1), welches auf Grund seiner netzartigen Gestalt, systematisch
Perspektiven von jedem Punkt des Prozesses auf noch folgende oder bereits vollzogene Schritte
eröffnet.
Der Kreis versinnbildlicht den Prozess als solchen, der stets am Punkt 9 beginnt und auch dort wieder
enden muss. Damit wird deutlich, dass die Informationen in einen Kreislauf eingespeist werden, aus
dem sie transformiert, d.h. mit einem höheren Sinnzusammenhang, entlassen werden. Am Beginn des
Kreislaufes haben wir z.B. den Wunsch eine Situation zu verändern, am Ende des Kreises
entsprechend die veränderte Situation als Ziel.
Dieser Kreis besteht im Grunde aus zwei Teilen: einem absteigenden Teil von Punkt 1 bis 4 und
einem aufsteigenden Teil von Punkt 5 bis 8 (Punkt 9 nimmt als Anfang der einen und als Ende der
anderen an beiden Bewegungen teil). Die absteigende Bewegung (die rechte Seite des
Enneagramms) zeigt die zunehmende Konkretisierung des Prozesses an: es werden die
Voraussetzungen für eine Transformation der Informationen geschaffen, indem die Ursachen einer
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Situation analysiert und verarbeitet werden. Bevor sich der Prozess auf der linken Seite des
Enneagramms fortsetzen kann, muss eine Kluft zwischen Punkt 4 und Punkt 5 überwunden werden:
Hier geschieht die eigentliche Wandlung von Ursache zu Wirkung, von Wort zur Tat. Gelingt dieser
Übergang – und das ist nicht unbedingt selbstverständlich – entsteht aus den mechanischen
ablaufenden Voraussetzungen eine Absicht, die alle gewonnene Energie auf das bewusste Erreichen
des Zieles organisiert (5 bis 8).
Die drei Punkte des Dreiecks haben dabei eine besondere Aufgabe: Sie stellen Einflüsse von
außerhalb des Prozesses dar. Jeder Prozess, der sich von einem Wunsch auf ein Ziel zu bewegt,
bedarf an bestimmten Stellen eines Impulses, um nicht zu erlahmen. Diese Impulse werden an den
Punkten des Dreiecks gesetzt, wobei Punkt 9 den Grundimpuls für den Prozess an sich entspricht (der
Klient kommt in die Beratung), Punkt 3 dem Impuls, welcher vorhandene Informationen neu organisiert
(das Horoskop wird eingesetzt), und Punkt 6 dem Impuls, die neuen Erkenntnisse den Einflüssen der
Umwelt zu überantworten (die Erkenntnisse werden verwirklicht).
Eine astrologische Beratung im Sinne des eigentlichen Gesprächs findet nach diesem Schema
lediglich von Schritt 1 bis Schritt 4 statt. Diese möchte ich Ihnen genauer vorstellen:
Punkt 1: Die Klärung der gegenwärtigen Situation. Hier gilt es herauszufinden, welche Erwartungen
der Rat Suchende in die Beratung mitbringt, was ihn belastet und letztlich: welche Veränderungen er
in seinem Leben anstrebt. Beobachten Sie, wie von diesem Punkt aus eine Perspektive auf 7 möglich
ist, an dem man gewissermaßen das noch vage Bild einer möglichen positiven Zukunft lokalisieren
kann. Zugleich aber sieht er auf Punkt 4, jenem Übergang von Wort zur Tat, der die Notwendigkeit der
Überwindung innerer Widerstände in Aussicht stellt.
Punkt 2: Die Analyse mithilfe des Horoskops. Die Aussagen des Klienten werden mit den
Konstellationen verglichen und in der Sprache der Astrologie neu formuliert. An dieser Stelle des
Prozesses kommt es im Wesentlichen darauf an, die Situation des Klienten "unten" in ihrer
Entsprechung "oben" sichtbar zu machen. Während diese Analyse das Ausgangsmaterial in neue
Zusammenhänge organisiert, schärft sich zugleich das Bild von der Zukunft (Punkt 8), indem der
Horoskopeigner sich das Ideal seiner künftigen Entwicklung vor Augen führt. Damit sind die
Startbedingungen für eine Veränderung geschaffen: die Motivation hat ein Ziel erhalten, weil dem
Geborenen klar geworden ist, dass sich sein Problem auf einer höheren Ebene widerspiegelt, in der
zugleich die Lösung sichtbar ist. Allerdings rückt auch Punkt 4 näher, sodass immer deutlicher wird,
was alles davon abhängt, welche Opfer er unter Umständen bringen muss, wenn er wirklich seine
Situation verändern möchte.
Punkt 3: Das Horoskop gewinnt eine Eigendynamik und fängt an den Dialog zwischen Astrologen und
Klienten über die Möglichkeiten einer Veränderung zu dirigieren, wie eine dritte, eigenständige Kraft.
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Dieser merkwürdige Moment, in dem Rat Suchender und Ratgeber sich auf der Ebene des Horoskops
treffen, ist der eigentliche Beginn der Beratung, die "Initialzündung".
Manchmal gelingt dieser Übergang nicht – dann haben wir das Gefühl, zwar die Problematik
verstanden zu haben, finden aber keinen Zugang zum Horoskop des Klienten. Es entsteht keine
gemeinsame Ebene zwischen Berater und Fragesteller: das Horoskop bleibt "stumm".
Meistens liegt die Ursache in diesem Gefühl darin begründet, dass wir zu voreingenommen an die
Sache herangehen. Wir öffnen uns nicht dem Horoskop und seiner Stimme, sondern glauben schon in
Punkt 2 die Lösung erkannt zu haben, die wir dann mit aller Macht vertreten. Anstatt das Horoskop als
Sprachrohr für den inneren Ruf des Rat Suchenden wirken zu lassen, stülpen wir ihm unsere Meinung
über und sanktionieren sie mithilfe astrologischer Floskeln. Das Horoskop wird zum Vorwand für die
eigenen Missionierungsversuche.
Tatsächlich ist es an diesem Punkt von großer Wichtigkeit, dass der Astrologe seine persönliche
Identifikation mit der Situation des Klienten aufgibt und zur Fragestellung Distanz beweist. In jedem
Augenblick dieses Schrittes muss dem beratenden Astrologen klar sein, dass er nicht der Klient ist
und dass der Klient nicht seine Antwort möchte, sondern eine Antwort aus dem Horoskop. Erst dann
entsteht ein Freiraum, in dem das Neue eine Chance hat sich zu zeigen und schließlich zu entfalten.
Punkt 4: Mit Punkt 4 erreichen wir eine deutliche Zäsur im Enneagramm. Wir haben die Chance die
rechte Hälfte zu verlassen, welche sich im weitesten Sinne mit den Ursachen der Fragestellung
befasst hat, ohne sie wirklich zu verändern. Die linke Seite des Enneagramms hingegen ist nicht mehr
durch eine passive Haltung des Ratsuchers gekennzeichnet, sondern versetzt ihn in die Lage, die
Schwierigkeiten aktiv anzugehen. Zuvor aber muss er an diesem Punkt einen inneren Kampf
bestehen zwischen den Tendenzen seines alten Lebens, an den Gewohnheiten festzuhalten und dem
In-Kraft-Treten jenes leuchtenden Ideals in der Zukunft, welches nun in greifbare Nähe gerückt ist. Ist
es gelungen, diesem Bild genügend Zugkraft zu verleihen, gerät der Geborene in eine Art Aufwind,
dem er keinen Widerstand mehr leisten möchte: Es ist wie der Sprung vom Zehn-Meter-Brett – einmal
vollzogen, stürzt man sich absichtsvoll auf die Bewältigung der Schwierigkeiten. Gelingt es aber nicht,
die Kluft von 4 nach 5 zu überwinden, sind die Widerstände also stärker als das Bild der Zukunft, kehrt
der Geborene zu Punkt 1 zurück, in seine Ausgangslage – er entscheidet sich für den Verbleib in der
Mechanik seiner Situation. Manche ziehen sich aber auch auf Punkt 2 zurück und geben sich damit
zufrieden, dass man ihnen ihre Situation analysiert hat und sie in der Verankerung ihres Leidens im
Horoskop bestätigt wurden.
An Punkt 4 trifft der Mensch eine eigene Entscheidung – bis zu diesem Punkt kann ihn der beratende
Astrologe begleiten. Alles was darüber hinausgeht – die Rückkehr in die alte Situation oder die
Herausforderung einer Veränderung – entziehen sich der Kontrolle des Beraters, er hat keinen
Einfluss darauf.
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An Punkt 5 hat der Horoskopeigner wieder Kontakt zu seinem Daimon aufgenommen. Er weiß
vielleicht, dass es schwierig sein wird, diesem inneren Ruf nachzugehen, aber ihm ist klar, dass er
seine Situation getragen von einem Ideal verbessern kann – das Bild einer Erfolg versprechenden
Zukunft (7 und 8) zieht ihn an. Punkt 6 öffnet den Prozess für die Einflüsse der Umwelt, in welche der
Klient seine neu gewonnenen Erkenntnisse hineintragen muss. In Punkt 7 beginnt sich die Haltung
des Menschen tatsächlich zu verändern und neue Verhaltensmuster können greifen, sodass die
Veränderung der ursprünglichen Situation (Punkt 1) in Angriff genommen werden kann. Ist Punkt 8
erreicht, hat sich die Situation bereits verändert und die ursprüngliche Analyse (Punkt 2) hat sich
bestätigt: das Problem ist gelöst, da die ursprünglich als Quelle des Leidens empfundene
Konstellation überwunden ist und auf einer anderen Ebene gelebt werden kann.
Astrologie wagen
Eine gelungene Beratung hängt von der angemessenen, auf die Entwicklung des Möglichkeitssinnes
ausgerichtete Haltung des Beraters, von der Motivation des Rat Suchenden und seinem Willen zur
Veränderung und von einer geeigneten Strategie der Beratung selbst ab, in der sich die Kraft des
Horoskops als Träger des inneren Rufes, des Daimon, entfalten kann. Diese drei Komponenten
machen eine Beratung zu einer anspruchsvollen und verantwortungsreichen Tätigkeit. Jeder sollte
sich daher genau prüfen, welche Voraussetzungen er in eine solche Situation hineinträgt und vor allen
Dingen, in wie weit er bereit ist, seine eigenen Wünsche und Vorstellungen, seine eigenen
Hoffnungen und Ängste zurückzustellen, um das Horoskop selbst zu Worte kommen zu lassen. Dies
ist eine schwierige Aufgabe, aber nicht unlösbar. Wichtiger als jede Technik, jede Schulung und
theoretische Ausbildung ist hier die Suche nach Erfahrungen im praktischen Leben. Noch wichtiger
aber ist es, den Mut und die Zuversicht aufzubringen, Astrologie als kraftvolles Werkzeug im Dienste
des Menschen einzusetzen, welcher sich auf die Suche nach Orientierung und Sinn in seinem Leben
gemacht hat. Ohne diese Berufung zum Menschen hin, bleibt Astrologie ein intellektuelles Spielzeug,
so gut wie jedes andere auch, ein anämischer Versuch, das Dasein in Hülsen zu verpacken, ohne die
Situation derer, die darin leben müssen, zu verändern zu wollen, in einer Gesellschaft, deren Ziel es
geradezu scheint, "die Menschen der Verantwortung für ihr Leben und Handeln zu entheben. Der
Weg der Transformation muss das genaue Gegenteil sein. Wohin er uns auch führen mag, er muss
uns zu freien, verantwortlichen Individuen machen, die fähig sind, ihr Leben im Einklang mit dem
größten objektiven Wohl zu gestalten."16
16ebd. S.5


