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PDF* Die Kunst das Puzzle des Lebens zu lösen

Die Kunst das Puzzle des Lebens zu lösen

Der Mensch im Mittelpunkt

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Christopher A. Weidner – Puzzle des Lebens Seite 1 von 11

© Christopher A. Weidner 2002

Christopher A. Weidner

Die Kunst, das Puzzle des Lebens zu lösen

(2000)

Der Mensch im Mittelpunkt

Astrologie ist eine Kunst, die sich stets an den Bedürfnissen des Menschen ausgerichtet hat: sie

benutzt die berechenbaren Zyklen der sich rhythmisch entfaltenden Ordnung des Himmels, um aus

dem chaotischen Dahinströmen der Ereignisse auf der Erde, dem ungeregelten Fluss des Erlebens,

"eine einigermaßen dauerhafte, regelmäßige Welt zu konstruieren."1 Das Versprechen der Astrologie

ist größere Kohärenz für das eigene Leben und die Einlösung dieses Versprechens kondensiert in der

Betrachtung des Horoskops. Da die Mehrheit der Menschen diesem Gewirr an Linien und Zeichen

kaum Sinnhaftigkeit zu entreißen vermag, sucht der Horoskopeigner die Unterredung mit dem

Experten, dem Horoskopdeuter: die so genannte astrologische Beratung. Dieses Zwiegespräch wird

zum Umschlagplatz für das gewünschte Gut: das Wissen um die übergeordneten Zusammenhänge,

welche das eigene Leben fördern und den Weg aus der Vergangenheit in eine verheißungsvollere

Zukunft ebnen sollen.

Keine andere astrologische Tätigkeit spiegelt das Wesen der Astrologie so intim wieder wie eine

Beratung: Jede Theorie, jede Technik, so klug und ausgefeilt sie auch sein mag, wird hier auf den

Prüfstein gelegt und muss zeigen, ob sie der Erfahrungswelt der Menschen standhält und "uns

befähigt, Vorhersagen zu machen und gewisse Phänomene zu bewerkstelligen oder zu verhindern."2

Kurz: ob sie eine passende Antwort auf die Lebenssituation des Rat Suchenden geben kann oder

nicht. Eine Antwort "passt", wenn wir sie wie einen Schlüssel im Schloss umdrehen können, das die

Türe zur Zukunft eines Menschen öffnet. Leistet sie diesen Dienst nicht, mag sie vielleicht interessant,

bemerkenswert oder sogar genial sein – aber sie lebt am Menschen selbst und dem Versprechen der

Astrologie, seine Bedürfnisse zu klären und seine Erlebnisse zu steuern, vorbei.

1von Glasersfeld, Ernst, Einführung in den radikalen Konstruktivismus, in: Watzlawick, Paul (Hg.), Die erfundene Wirklichkeit.

München 1985. S.30

2ders. S.22

Christopher A. Weidner – Puzzle des Lebens Seite 2 von 11

© Christopher A. Weidner 2002

Die Überwindung des Leidens

In den seltensten Fällen wird ein wirklich zufriedener Mensch sich die Mühe machen und die oft nicht

unerhebliche Kosten auf sich nehmen, um den Rat eines Astrologen zu suchen. Grundsätzlich wird

der Rat Suchende aus einer Situation des persönlichen Mangels kommen, des Leidens.

Leiden ist hier in einem weniger pathetischen Sinne gemeint: in diesem Ausdruck bündelt sich jene

inneren Bedrängnis, die jeder von uns in gewissen Momenten der Bewältigung des Alltags empfindet.

Entscheidend ist dabei weniger die Schwere des Umstands, sondern vielmehr die allen Situationen

des Leidens gemeinsame Empfindung, dass wir unser Leben nicht selbst in der Hand haben, dass wir

es erleiden müssen. Vielleicht scheint sogar das Leben selbst ins Stocken geraten und wir

aussichtslos vom gegenwärtigen Augenblick absorbiert zu sein: wir hängen zwischen der

Vergangenheit, in die wie nicht mehr zurück können, und der Zukunft, die für uns verschlossen

scheint, fest. Was wir uns verständlicherweise wünschen ist Abnabelung und Befreiung – den Impuls

zur Überwindung des Leidens, die Öffnung der Zukunft, ein Veränderung.

Veränderung ist ein problematischer Begriff: auf der einen Seite ist es das, was wir suchen,

andererseits fürchten wir sie, denn sie bedeutet oftmals mehr als nur bestimmte Dinge künftig zu

unterlassen. Gerade das Horoskop offenbart immer wieder, wie vernetzt unsere Eigenschaften sind,

dass der Mensch "ein komplexes Wesen" ist, "in dem alle Teile wechselseitig aufeinander bezogen

sind, sodass es unmöglich ist, einen Teil zu ändern, ohne alles zu beeinflussen."3 Dann geht es

unbequemerweise in einer Beratung nicht mehr um Kosmetik, darum, "wie wir die eine oder andere

Seite unseres Charakters verbessern können"4, sondern um eine tief greifende Veränderung, eine

"Transformation". Dann wird hinter dem Wunsch, das gegenwärtiges Leiden zu überwinden, der

Drang zur Selbstvervollkommnung spürbar.

Das Leben – ein Tablett glitzernder Snapshots

Zunächst einmal aber taucht der "Klient" mit einem Puzzle seines Lebens in der Hand beim

Astrologen auf. Dieses Puzzle ist ein treffendes Bild für den Zustand der meisten Menschen der

heutigen Zeit. Es kreist um etwas, das wir gerne das eigene Leben nennen.

Die Menschen der Gegenwart sind beseelt davon, sich den Wunsch nach einem eigenen Leben zu

erfüllen: "Das alltägliche Ringen um das eigene Leben ist zur Kollektiverfahrung der westlichen Welt

geworden. In ihm drückt sich die Restgemeinschaft aus."5 Individualität ist das Zauberwort: "Alles

3Bennett, John G., Transformation oder die Kunst sich zu wandeln. Pittenhart 1978. S.15

4ebd.

5Beck, Ulrich et. al., Eigenes Leben. Ausflüge in die unbekannte Gesellschaft, in der wir leben. München 1997. S.10

Christopher A. Weidner – Puzzle des Lebens Seite 3 von 11

© Christopher A. Weidner 2002

vollzieht sich nach dem Schauspiel des Einmaligen in den Kostümen des Persönlichen und

Individuellen".6

In der Vorstellung vom eigenen Leben schwingt etwas unsere Identität umfassendes mit: alles was

von unserem eigenen Leben berührt wird, soll die unverwechselbaren Merkmale unserer

Persönlichkeit tragen: das eigene Heim, das eigene Geld, der eigene Beruf, die eigenen Kinder, der

eigene Partner, das eigene Auto usw. Die Erfahrung des gesellschaftlichen Alltags aber widerspricht

dieser Vorstellung zutiefst – wir werden als Mensch in unpersönliche Funktionen zersplittert, sind

Wähler, Studenten, Patienten, Steuerzahler, Rentner, Schüler, Männer, Frauen, Kinder etc., oder wie

Arno Schmidt schrieb:

"Mein Leben?!: ist kein Kontinuum! (nicht bloß durch Tag und Nacht in weiß und schwarze Stücke

zerbrochen! Denn auch am Tage ist bei mir der ein Anderer, der zur Bahn geht; im Amt sitzt; büchert;

durch Haine stelzt; schreibt; Tausendsdenker; auseinander fallender Fächer, der rennt; raucht; kotet;

radiohört, "Herr Landrat" sagt; That's me!): ein Tablett voll glitzernder Snapshots."7

Die Persönlichkeit des Einzelnen wird immer weniger als Gesamtheit herausgefordert, wir werden zu

"permanenten Wanderern zwischen den Funktionswelten"8, zu "Driftern". Zwischen diesen Welten

bleibt ein schmaler Hohlraum, eine Leerstelle, die es krampfhaft gilt, mit eigenem Leben anzufüllen.

Aber dieses Stück eigenen Lebens unterliegt nicht einmal persönlicher Kontrolle, sondern wiederum

den Prozessen der Vergesellschaftung:

"Das eigene Leben hängt z.B. ab von Kindergartenöffnungszeiten, Verkehrsanbindungen, Stauzeiten,

örtlichen Einkaufsmöglichkeiten usw., von den Vorgaben der großen Institutionen: Ausbildung,

Arbeitsmarkt, Arbeitsrecht, Sozialstaat; von den Krisen der Wirtschaft, der Zerstörung der Natur

einmal ganz abgesehen. Manchmal muss nur die Oma, die die Kinder hütet, ausfallen, und die

windigen Konstruktionen des eigenen Lebens brechen in sich zusammen."9

Das frei schwebende, selbstbestimmte, dem Ich und seinen Vorlieben allein verpflichtete Leben – es

ist eine Illusion, und nichtsdestoweniger die tägliche Forderung.

Früher wurden Menschen in bindende Traditionen hineingeboren, welche ihnen gewissermaßen

ausgetretene Pfade als gangbare Wege offerierten. Auch der moderne Mensch ist nicht weniger in ein

Dickicht aus Vorgaben eingebunden, sobald er das Licht der Welt erblickt, doch die modernen

Vorgaben verlangen eine Selbstorganisation des eigenen Lebens und machen damit Erfolg oder

Scheitern von der Fähigkeit des Einzelnen abhängig, die Existenz mit immer weniger Hilfe von außen

in den Griff zu kriegen: Schlagwort "Mut zur Eigenverantwortung".

6Beck, Ulrich a.a.O. S.9

7Schmidt, Arno, Aus dem Leben eines Fauns. Zitiert nach: Beck, Ulrich a.a.O. S.10

8Beck, Ulrich a.a.O. S.10

9Beck, Ulrich a.a.O. S.11

Christopher A. Weidner – Puzzle des Lebens Seite 4 von 11

© Christopher A. Weidner 2002

Eigenes Leben – das heißt sich einem endlosen Experiment auszuliefern, in einer Zeit in der

Lebensführung historisch vorbildlos geworden ist. Das Zerbrechen der kollektiven

Rahmenbedingungen fragmentiert fortschreitend das, was wir uns mühevoll aufbauen, und verlangt

gleichzeitig von uns flexibel genug, "fit" genug zu sein für das unaufhörliche Changieren des

Zeitgeistes. So schwebt über allem, was uns Menschen heute passiert, eine Frage, wie die Matrix aller

Fragen, mit denen wir konfrontiert werden: "Wie lassen sich langfristige Ziele in einer auf

Kurzfristigkeit angelegten Gesellschaft anstreben? Wie sind dauerhafte soziale Beziehungen

aufrechtzuerhalten? Wie kann ein Mensch in einer Gesellschaft, die aus Episoden und Fragmenten

besteht, seine Identität und Lebensgeschichte zu einer Erzählung bündeln?"10

Ein roter Faden im Labyrinth der Veränderung

Das ethische und emotionale Driften, welches synonym geworden ist mit "Veränderung", erzeugt

einen Konflikt zwischen den alltäglichen Erfahrungen, die von Zusammenhangslosigkeit geprägt sind,

und dem Charakter des Menschen, den wir als etwas Stabiles empfinden möchten. Tatsächlich wird

die Fähigkeit der Menschen bedroht, "ihre Charaktere zu durchhaltbaren Erzählungen zu formen."11

Hier kommt Astrologie ins Spiel. Denn das Horoskop erzeugt eine Identität, einen roten Faden im

Leben des Individuums. Das Horoskop eines Menschen begleitet ihn von der ersten bis zur letzten

Stunde und verändert dabei seine Gestalt nicht: ob er nun fünf, fünfundzwanzig oder fünfzig Jahre alt

ist. So kann es zur Landkarte des eigenen Lebens werden, zum schöpferischen Impuls für die

Entdeckung eines Charakters, der die Erzählung unseres Lebens zusammenhält.

Veränderung ist die grundlegende menschliche Erfahrung der Gegenwart. Doch ihre Bedeutung ist

ambivalent: Auf der einen Seite brauchen wir sie, um in problematischen Situationen Zukunft zu

ermöglichen, auf der anderen Seite erleben wir sie als Verlust an Kohärenz im Leben, welche gerade

dieses Leiden hervorruft. Die Antwort hängt davon ab, mit welcher Haltung ich dem unablässigen

Strom des Wandels begegne: Sehe ich mich als Dirigent meines Lebens, dem es gelingt, die eigenen

Absichten mit dem großen Fluss der Zeit zu amalgamieren, oder betrachte ich mich als Treibholz auf

den Wellen der Zeit, dem nichts anderes übrig bleibt, als mechanisch auf die gesetzten Standards zu

reagieren.

Dies ist die eigentliche Wahl in unserem Leben und hier steckt die große Chance der Astrologie: sie

kann die Einsicht vermitteln, dass niemand als Treibholz geboren wird, sondern als Schöpfer seines

eigenes Lebens.

10Sennett, Richard, Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin 1998. S.31

11ders. S.37

Christopher A. Weidner – Puzzle des Lebens Seite 5 von 11

© Christopher A. Weidner 2002

Wie löst man das Puzzle?

Zwei grundsätzliche Haltungen zum Horoskop kann ich als Astrologe einnehmen, um dem Rat

Suchenden beim Lösen des Puzzles seines Lebens zu helfen.

Die eine Haltung erklärt dem Horoskopeigner, dass sein Puzzle das Ergebnis bereits in sich trägt.

Anders gesprochen wird die Radix als eine Struktur aufgefasst, "auf die hin wir uns entwickeln

müssen, um 'heil', 'ganz' oder 'im Einklang mit unserer innersten Natur' … zu sein."12 Das Horoskop

enthüllt dieser Ansicht nach, "wie wir sein sollen, es ist eine 'Instruktion' und bezieht daraus auch

seine Fruchtbarkeit für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit: es hilft uns auf dem Wege der

Selbstfindung, auf dem Wege, zu dem zu werden, was wir 'eigentlich' sind."13 So wie ein klassisches

Puzzlespiel nur eine Lösung kennt, legt das Horoskop den Menschen auf ein Klassenziel fest, auf

welches sich sein Leben im Grunde ganz mechanisch entwickeln würde, wenn der Mensch nicht die

Freiheit hätte, sich gegen den Strom des Lebens zu stellen.

Im Gegensatz zu dieser Auffassung steht das Horoskop als reine Möglichkeitsstruktur, die nicht

vorgibt, was sein soll, sondern lediglich was sein kann. Aus dieser Sicht kann der Sinn des Lebens

nicht im Horoskop gefunden werden, sondern ist von der Anstrengung des Horoskopeigners

abhängig: er muss erst geschaffen werden. Außer rudimentären Anlagen findet der Mensch nichts in

seinem Horoskop: das Puzzle besteht lediglich aus einer bestimmten Anzahl bunter Teile, die einen

Vorschlag zur Gestaltung in sich trägt, aber kein definitives Ziel. Das Zusammensetzen des Puzzles

wird zu einem kreativen Akt nach Art eines Mosaikbildes, dessen letztendliche Gestalt das Ergebnis

eines schöpferischen Prozesses ist und nicht des Erfüllens einer Vorlage.

Nicht das Einhalten von Instruktionen ist dabei wichtig, sondern überhaupt auf die Entstehung eines

zusammenhängenden Bildes zu achten, um nicht in Beliebigkeit zu driften und wahllos Stein an Stein

zu legen – das Bild für die fragmentierte Persönlichkeit unserer Zeit. Diese Haltung zur Astrologie

spiegelt genau jene Grunderfahrung unserer Zeit wieder: es gibt keine übergeordneten

Metaerzählungen mehr, auf deren Heilsversprechen wir uns verlassen können. Stattdessen sehen wir

uns mit der Aufgabe betraut, unser Leben selbst zu gestalten. Doch das Horoskop muss uns nicht

automatisch in die Abhängigkeit von übergeordneten Normen zurückführen und damit in den Glauben

eines wie auch immer gearteten Determinismus – es zeigt uns zugleich, das wir die Kraft haben, unser

Leben selbst in die Hand zu nehmen.

12Niehenke, Peter, Astrologie. Eine Einführung. Stuttgart 1994. S.218

13ebd.

Christopher A. Weidner – Puzzle des Lebens Seite 6 von 11

© Christopher A. Weidner 2002

Zum eigenen Leben berufen sein

Das Horoskop ist die Lautschrift eines inneren Rufes – nicht mehr. Über die Jahre hinweg mag dieser

innere Ruf immer wieder versuchen, sich Gehör zu verschaffen. Er formuliert sich in den Visionen und

Träumen unserer Kindheit und wirkt als eine starke Motivation, unserem Leben eine eigentümliche,

unverwechselbare Richtung zu geben, etwas Besonderes zu werden, nämlich das, was nur wir

werden können. Im Laufe des Lebens aber verhallt für viele dieser Ruf ungehört im Alltag: sie halten

ihre Wünsche und Sehnsüchte für unvernünftig und suchen sich lieber an den äußeren Bedingungen

zu orientieren, sich ihnen anzupassen. Spätestens hier schnappt die Falle zu: gerade diese äußeren

Bedingungen können, wie gezeigt, gar nicht mehr in der Lage sein, als Leitbild für den Weg in die

Zukunft zu fungieren. Während für viele Menschen sich der innere Ruf in einen frommen Wunsch wie

der Glaube an den Weihnachtsmann gewandelt hat und sich damit abgefunden haben, immer

zielloser in die Zukunft hinein zu driften, wäre es genau die Wahrnehmung jenes inneren Rufes, die

uns Identität und Kohärenz aus eigener Kraft verleihen könnte.

An sich aber bietet der innere Ruf kein Ziel und auch keinen Plan – er ist vielmehr eine vorwärts

drängende Kraft, die uns immer wieder in Situationen führt, in denen wir die Chancen haben, das

Besondere in uns zur Entfaltung zu bringen und schließlich ein Ziel, eine Berufung, zu wählen. Von

diesem Augenblick an werden wir nicht mehr in die Zukunft gedrängt, sondern von einem leuchtenden

Bild dorthin gezogen.

In meinen Augen ist das Horoskop das kristallisierte Abbild dieses inneren Rufes, es ist die

Schallplatte, auf dem seine Stimme eingraviert ist – ich muss sie nur zum Klingen bringen. Dann kann

das Horoskop einem Menschen wertvolle Hilfe bei der Wiederbelebung jener ursprünglich in ihm

angelegten Idee leisten. Viele Menschen kommen gerade dann in eine astrologische Beratung, wenn

sie den inneren Ruf - oft nach langer Zeit wieder – wie einen Stachel in sich spüren und er sie

unzufrieden und ruhelos mit den äußeren Umständen zurücklaÅNsst, wenn sie begreifen, dass sie sich

nicht auf die mechanische Entwicklung der Dinge, die alles schon richten wird, verlassen können. Das

Horoskop kann diesen ungeordneten Impuls auffangen und ordnen – und ermöglicht so eine

Rückbindung an den inneren Ruf. Die astrologische Beratung kann helfen, diese noch blinde Kraft mit

den eigenen Absichten zu verbinden und so den Sprung in das wirklich eigene Leben zu organisieren.

In neun Schritten zur Zukunft

Was kann ich als Astrologe außer einer angemessenen Haltung beitragen? Die Motivation des

Horoskopeigners, seinem Leben eine Wendung zu geben, ist eine starke Kraft – aber sie hat keine

Richtung. Wie kann ich dieser Kraft mithilfe des Horoskops eine Richtung verleihen?

Die Antwort ist so einfach wie schwierig: Wir brauchen ein Ziel, ein Ideal, auf das hin wir die Kraft

kanalisieren können. "Was uns vorwärts zieht, sind nicht abstrakte moralische Prinzipien, sondern das

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Ideal, wie es sich in den Helden und Heiligen früherer Zeiten verkörpert hat."14 Wir müssen uns

gewissermaßen zutrauen, zum Helden unserer eigenen Lebensgeschichte zu werden: "Auf diese

Weise gewinnt das innere Potenzial zur Transformation, das in jedem Menschen existiert, Gestalt. Es

ist das Ideal, das jeden von uns ruft."15

Eine Beratung trägt die Chance in sich, eine absichtliche Veränderung im Menschen in Gang zu

setzen. Um dieser Chance gerecht zu werden, ist es notwendig, eine Strategie zu entwickeln, um die

Kraft der Motivation zu organisieren und in die Dienste unserer Absichten zu stellen. Im Folgenden

möchte ich das Enneagramm in der Tradition des "Vierten Weges" als Planungshilfe einer Beratung

vorstellen (vgl. Abbildung 1).

1916 taucht das Enneagramm als ein universales Diagramm zur Deutung von dynamischen

Prozessen in russischen Studiengruppen von Gurdjieff auf – vermutlich das erste Mal. Uns interessiert

hier aber weder seine Herkunft noch die Ideologie einzelner Schulen, die an das Enneagramm

geknüpft werden: wir wollen es im klassischen Sinne zur Analyse und Organisation von

Handlungsabläufen benutzen. Gurdjieff sagte einmal: "Alles Wissen kann im Enneagramm

zusammengefasst werden und mit seiner Hilfe gedeutet werden." Praktisch bedeutet dies, dass wir

einen Prozess in neun aufeinander folgende Schritte gliedern und jedem Schritt einen der neun

Punkte des Enneagramms zuordnen. Als Ergebnis erhalten wir eine Struktur, welche die einzelnen

Schritte des Prozesses auf eine bestimmte Art und Weise zueinander in Beziehung setzt und

bewertet. In einem gewissen Sinne organisiert das Enneagramm die Informationen, die in das Symbol

hineingelegt werden, neu und ermöglicht so eine Verfeinerung und Optimierung des Vorgangs.

14Bennett a.a.O. S.105

15ebd. S.106

Christopher A. Weidner – Puzzle des Lebens Seite 8 von 11

© Christopher A. Weidner 2002

Abbildung 1: Das Enneagramm als Symbol zur Beschreibung von Prozessen.

Das Enneagramm besteht aus drei Komponenten: dem Kreis, dem Dreieck (3 – 6 – 9) und dem

Sechseck (1 – 4 – 2 – 8 – 5 – 7 – 1), welches auf Grund seiner netzartigen Gestalt, systematisch

Perspektiven von jedem Punkt des Prozesses auf noch folgende oder bereits vollzogene Schritte

eröffnet.

Der Kreis versinnbildlicht den Prozess als solchen, der stets am Punkt 9 beginnt und auch dort wieder

enden muss. Damit wird deutlich, dass die Informationen in einen Kreislauf eingespeist werden, aus

dem sie transformiert, d.h. mit einem höheren Sinnzusammenhang, entlassen werden. Am Beginn des

Kreislaufes haben wir z.B. den Wunsch eine Situation zu verändern, am Ende des Kreises

entsprechend die veränderte Situation als Ziel.

Dieser Kreis besteht im Grunde aus zwei Teilen: einem absteigenden Teil von Punkt 1 bis 4 und

einem aufsteigenden Teil von Punkt 5 bis 8 (Punkt 9 nimmt als Anfang der einen und als Ende der

anderen an beiden Bewegungen teil). Die absteigende Bewegung (die rechte Seite des

Enneagramms) zeigt die zunehmende Konkretisierung des Prozesses an: es werden die

Voraussetzungen für eine Transformation der Informationen geschaffen, indem die Ursachen einer

Christopher A. Weidner – Puzzle des Lebens Seite 9 von 11

© Christopher A. Weidner 2002

Situation analysiert und verarbeitet werden. Bevor sich der Prozess auf der linken Seite des

Enneagramms fortsetzen kann, muss eine Kluft zwischen Punkt 4 und Punkt 5 überwunden werden:

Hier geschieht die eigentliche Wandlung von Ursache zu Wirkung, von Wort zur Tat. Gelingt dieser

Übergang – und das ist nicht unbedingt selbstverständlich – entsteht aus den mechanischen

ablaufenden Voraussetzungen eine Absicht, die alle gewonnene Energie auf das bewusste Erreichen

des Zieles organisiert (5 bis 8).

Die drei Punkte des Dreiecks haben dabei eine besondere Aufgabe: Sie stellen Einflüsse von

außerhalb des Prozesses dar. Jeder Prozess, der sich von einem Wunsch auf ein Ziel zu bewegt,

bedarf an bestimmten Stellen eines Impulses, um nicht zu erlahmen. Diese Impulse werden an den

Punkten des Dreiecks gesetzt, wobei Punkt 9 den Grundimpuls für den Prozess an sich entspricht (der

Klient kommt in die Beratung), Punkt 3 dem Impuls, welcher vorhandene Informationen neu organisiert

(das Horoskop wird eingesetzt), und Punkt 6 dem Impuls, die neuen Erkenntnisse den Einflüssen der

Umwelt zu überantworten (die Erkenntnisse werden verwirklicht).

Eine astrologische Beratung im Sinne des eigentlichen Gesprächs findet nach diesem Schema

lediglich von Schritt 1 bis Schritt 4 statt. Diese möchte ich Ihnen genauer vorstellen:

Punkt 1: Die Klärung der gegenwärtigen Situation. Hier gilt es herauszufinden, welche Erwartungen

der Rat Suchende in die Beratung mitbringt, was ihn belastet und letztlich: welche Veränderungen er

in seinem Leben anstrebt. Beobachten Sie, wie von diesem Punkt aus eine Perspektive auf 7 möglich

ist, an dem man gewissermaßen das noch vage Bild einer möglichen positiven Zukunft lokalisieren

kann. Zugleich aber sieht er auf Punkt 4, jenem Übergang von Wort zur Tat, der die Notwendigkeit der

Überwindung innerer Widerstände in Aussicht stellt.

Punkt 2: Die Analyse mithilfe des Horoskops. Die Aussagen des Klienten werden mit den

Konstellationen verglichen und in der Sprache der Astrologie neu formuliert. An dieser Stelle des

Prozesses kommt es im Wesentlichen darauf an, die Situation des Klienten "unten" in ihrer

Entsprechung "oben" sichtbar zu machen. Während diese Analyse das Ausgangsmaterial in neue

Zusammenhänge organisiert, schärft sich zugleich das Bild von der Zukunft (Punkt 8), indem der

Horoskopeigner sich das Ideal seiner künftigen Entwicklung vor Augen führt. Damit sind die

Startbedingungen für eine Veränderung geschaffen: die Motivation hat ein Ziel erhalten, weil dem

Geborenen klar geworden ist, dass sich sein Problem auf einer höheren Ebene widerspiegelt, in der

zugleich die Lösung sichtbar ist. Allerdings rückt auch Punkt 4 näher, sodass immer deutlicher wird,

was alles davon abhängt, welche Opfer er unter Umständen bringen muss, wenn er wirklich seine

Situation verändern möchte.

Punkt 3: Das Horoskop gewinnt eine Eigendynamik und fängt an den Dialog zwischen Astrologen und

Klienten über die Möglichkeiten einer Veränderung zu dirigieren, wie eine dritte, eigenständige Kraft.

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© Christopher A. Weidner 2002

Dieser merkwürdige Moment, in dem Rat Suchender und Ratgeber sich auf der Ebene des Horoskops

treffen, ist der eigentliche Beginn der Beratung, die "Initialzündung".

Manchmal gelingt dieser Übergang nicht – dann haben wir das Gefühl, zwar die Problematik

verstanden zu haben, finden aber keinen Zugang zum Horoskop des Klienten. Es entsteht keine

gemeinsame Ebene zwischen Berater und Fragesteller: das Horoskop bleibt "stumm".

Meistens liegt die Ursache in diesem Gefühl darin begründet, dass wir zu voreingenommen an die

Sache herangehen. Wir öffnen uns nicht dem Horoskop und seiner Stimme, sondern glauben schon in

Punkt 2 die Lösung erkannt zu haben, die wir dann mit aller Macht vertreten. Anstatt das Horoskop als

Sprachrohr für den inneren Ruf des Rat Suchenden wirken zu lassen, stülpen wir ihm unsere Meinung

über und sanktionieren sie mithilfe astrologischer Floskeln. Das Horoskop wird zum Vorwand für die

eigenen Missionierungsversuche.

Tatsächlich ist es an diesem Punkt von großer Wichtigkeit, dass der Astrologe seine persönliche

Identifikation mit der Situation des Klienten aufgibt und zur Fragestellung Distanz beweist. In jedem

Augenblick dieses Schrittes muss dem beratenden Astrologen klar sein, dass er nicht der Klient ist

und dass der Klient nicht seine Antwort möchte, sondern eine Antwort aus dem Horoskop. Erst dann

entsteht ein Freiraum, in dem das Neue eine Chance hat sich zu zeigen und schließlich zu entfalten.

Punkt 4: Mit Punkt 4 erreichen wir eine deutliche Zäsur im Enneagramm. Wir haben die Chance die

rechte Hälfte zu verlassen, welche sich im weitesten Sinne mit den Ursachen der Fragestellung

befasst hat, ohne sie wirklich zu verändern. Die linke Seite des Enneagramms hingegen ist nicht mehr

durch eine passive Haltung des Ratsuchers gekennzeichnet, sondern versetzt ihn in die Lage, die

Schwierigkeiten aktiv anzugehen. Zuvor aber muss er an diesem Punkt einen inneren Kampf

bestehen zwischen den Tendenzen seines alten Lebens, an den Gewohnheiten festzuhalten und dem

In-Kraft-Treten jenes leuchtenden Ideals in der Zukunft, welches nun in greifbare Nähe gerückt ist. Ist

es gelungen, diesem Bild genügend Zugkraft zu verleihen, gerät der Geborene in eine Art Aufwind,

dem er keinen Widerstand mehr leisten möchte: Es ist wie der Sprung vom Zehn-Meter-Brett – einmal

vollzogen, stürzt man sich absichtsvoll auf die Bewältigung der Schwierigkeiten. Gelingt es aber nicht,

die Kluft von 4 nach 5 zu überwinden, sind die Widerstände also stärker als das Bild der Zukunft, kehrt

der Geborene zu Punkt 1 zurück, in seine Ausgangslage – er entscheidet sich für den Verbleib in der

Mechanik seiner Situation. Manche ziehen sich aber auch auf Punkt 2 zurück und geben sich damit

zufrieden, dass man ihnen ihre Situation analysiert hat und sie in der Verankerung ihres Leidens im

Horoskop bestätigt wurden.

An Punkt 4 trifft der Mensch eine eigene Entscheidung – bis zu diesem Punkt kann ihn der beratende

Astrologe begleiten. Alles was darüber hinausgeht – die Rückkehr in die alte Situation oder die

Herausforderung einer Veränderung – entziehen sich der Kontrolle des Beraters, er hat keinen

Einfluss darauf.

Christopher A. Weidner – Puzzle des Lebens Seite 11 von 11

© Christopher A. Weidner 2002

An Punkt 5 hat der Horoskopeigner wieder Kontakt zu seinem Daimon aufgenommen. Er weiß

vielleicht, dass es schwierig sein wird, diesem inneren Ruf nachzugehen, aber ihm ist klar, dass er

seine Situation getragen von einem Ideal verbessern kann – das Bild einer Erfolg versprechenden

Zukunft (7 und 8) zieht ihn an. Punkt 6 öffnet den Prozess für die Einflüsse der Umwelt, in welche der

Klient seine neu gewonnenen Erkenntnisse hineintragen muss. In Punkt 7 beginnt sich die Haltung

des Menschen tatsächlich zu verändern und neue Verhaltensmuster können greifen, sodass die

Veränderung der ursprünglichen Situation (Punkt 1) in Angriff genommen werden kann. Ist Punkt 8

erreicht, hat sich die Situation bereits verändert und die ursprüngliche Analyse (Punkt 2) hat sich

bestätigt: das Problem ist gelöst, da die ursprünglich als Quelle des Leidens empfundene

Konstellation überwunden ist und auf einer anderen Ebene gelebt werden kann.

Astrologie wagen

Eine gelungene Beratung hängt von der angemessenen, auf die Entwicklung des Möglichkeitssinnes

ausgerichtete Haltung des Beraters, von der Motivation des Rat Suchenden und seinem Willen zur

Veränderung und von einer geeigneten Strategie der Beratung selbst ab, in der sich die Kraft des

Horoskops als Träger des inneren Rufes, des Daimon, entfalten kann. Diese drei Komponenten

machen eine Beratung zu einer anspruchsvollen und verantwortungsreichen Tätigkeit. Jeder sollte

sich daher genau prüfen, welche Voraussetzungen er in eine solche Situation hineinträgt und vor allen

Dingen, in wie weit er bereit ist, seine eigenen Wünsche und Vorstellungen, seine eigenen

Hoffnungen und Ängste zurückzustellen, um das Horoskop selbst zu Worte kommen zu lassen. Dies

ist eine schwierige Aufgabe, aber nicht unlösbar. Wichtiger als jede Technik, jede Schulung und

theoretische Ausbildung ist hier die Suche nach Erfahrungen im praktischen Leben. Noch wichtiger

aber ist es, den Mut und die Zuversicht aufzubringen, Astrologie als kraftvolles Werkzeug im Dienste

des Menschen einzusetzen, welcher sich auf die Suche nach Orientierung und Sinn in seinem Leben

gemacht hat. Ohne diese Berufung zum Menschen hin, bleibt Astrologie ein intellektuelles Spielzeug,

so gut wie jedes andere auch, ein anämischer Versuch, das Dasein in Hülsen zu verpacken, ohne die

Situation derer, die darin leben müssen, zu verändern zu wollen, in einer Gesellschaft, deren Ziel es

geradezu scheint, "die Menschen der Verantwortung für ihr Leben und Handeln zu entheben. Der

Weg der Transformation muss das genaue Gegenteil sein. Wohin er uns auch führen mag, er muss

uns zu freien, verantwortlichen Individuen machen, die fähig sind, ihr Leben im Einklang mit dem

größten objektiven Wohl zu gestalten."16

16ebd. S.5


 

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