PDF* Wie gelangt Astrologie zu Erkenntnnissen
Wie gelangt die Astrologie zu Erkenntnissen
„Wie oben – so unten“?
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Christopher A. Weidner
Wie gelangt Astrologie zu Erkenntnissen?
(1997)
„Tradition?: das ist die Gesinnung der Faulen;
die Pfützen stehen lässt,
weil sie vielleicht noch
von der Sintflut herrühren könnten.“
Arno Schmidt: Die Gelehrtenrepublik
„Wie oben – so unten“?
Astrologie geht von einem Grundaxiom aus, einer angenommenen Grundtatsache,
ohne die sie offensichtlich nicht denkbar wäre. Dieses Axiom wird in der Tabula
Smaragdina des legendären Hermes Trismegistos überliefert:
Alles, was unten ist, gleicht dem, was oben ist ….1
Verknappt wird dies oft auf die Formel: „Wie oben – so unten“, wobei das „Oben“
den Himmel mit seinen astronomischen Phänomenen verkörpert, das „Unten“ die
Welt der Menschen auf der Erde. Damit definiert Astrologie die Grundlage, auf der
jede gefundene Erkenntnis beruhen muss: Sie studiert die Wechselbeziehungen
zwischen den himmlischen Ereignissen „oben“ und den irdischen Ereignissen
„unten“.
Die Möglichkeiten dieses Ansatzes liegen auf der Hand: Jene beobachteten
himmlischen Phänomene sind gekennzeichnet durch Strukturen, durch eine
gesetzmäßige Ordnung, sich wiederholende Muster und berechenbare Zyklen.
Im Gegensatz dazu erleben sich Menschen in eine ungeordnete, chaotische Welt
gestellt, charakterisiert durch sich vollziehende Veränderungen ohne Sicherheit und
Halt: „Wir können nicht zweimal in denselben Fluss steigen“, formulierte Heraklit
dieses Grundempfinden mehr als zwei Jahrtausende zuvor, denn der Fluss
verändert sich und wir selbst auch, „Alles fließt, nichts besteht.“
© 2002 Christopher A. Weidner
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Diese Empfindung von Unordnung ist bestimmend für unsere Zeit geworden, denn
es hat sich auf vielen Gebieten menschlichen Lebens gezeigt, dass zuvor als
unumstößlich geglaubte Tatsachen von heute auf morgen umgestürzt werden
können, ersatzlos gestrichen werden dürfen. Damit ist nichts undeutlicher geworden
als der Weg, den die Menschheit in Zukunft gehen wird. Die einzige Sicherheit ist
die Gewissheit bevorstehender Wandlungen.
Doch schon Heraklit konnte und wollte sich nicht damit zufrieden geben und suchte
nach den Gesetzen einer inneren Ordnung, besser gesagt: nach dem einen Gesetz,
das allem innewohnt und dem die Welt der Phänomene Folge zu leisten habe. Er
offenbarte so ein Wesentliches in der Charakterisierung menschlicher Existenz: die
Suche nach Ordnung und Sicherheit im Chaos, zu erkennen, „was die Welt / im
Innersten zusammenhält.“
Menschen suchten zu allen Zeiten immer wieder die Grundlagen einer Ordnung
außerhalb ihrer Existenzsphäre, postulierten sie als in Gott oder in ewig gültigen
Naturgesetzen verankert. Es mag als Verdienst unserer Zeit angesehen werden,
dass sie die Relativität allen Erkennens auf ihre Fahnen geschrieben hat und vor
allem: dass sie den Menschen in die Verantwortung für seine Erkenntnisfähigkeit
gezogen hat.
Realität als eine Wirk-lichkeit im Sinne dessen, was aus dem Fluss des Erlebens
als für Menschen wirk-sam zu gelten habe, hat ihren monolithischen Charakter
verloren. Jede Wirklichkeit ist stets nur meine Wirklichkeit, kann niemals die
Wirklichkeit des anderen sein. Die UÅNberbrückung der sich auftuenden Kluft
zwischen mir und dem Anderen ist eine Frage der Kommunikation geworden, des
semantischen Codierungssystemes, innerhalb dessen sich Menschen eines
bestimmten Kulturraumes bewegen.
Dennoch: Menschen haben Ziele und verfolgen bestimmte Zwecke in ihrem Leben.
Um dies erfolgreich bewerkstelligen zu können, bedürfen sie nachgerade
Erklärungen, Vorhersage und Kontrolle oder Steuerung ihrer Erfahrungen.2 „Wir
Menschen … scheinen psychisch in einem sinn- und ordnungslosen Universum
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nicht überleben zu können.“ Das „Füllen der Leere“ oder auch der „Kampf gegen
das Nichts“ ist also vermutlich eine psychologische Notwendigkeit, eine Strategie
unserer Intelligenz, und es ist allzu bekannt, dass Menschen an Sinnleere
erkranken können, dass aber zugleich „wer ein Warum zu leben hat, fast jedes Wie
erträgt.“3
Aber nicht mehr Gott organisiert unsere Welt, sondern wir selbst sind auf uns
zurückgeworfen worden, den Fluss des Erlebens im Alleingang, jeder für sich, zu
strukturieren.
„Gott ist tot … Wohin ist Gott? Ich will es euch sagen. Wir haben ihn getötet, – ihr
und ich!“4 konstatierte Nietzsche und an anderer Stelle bringt er die Erschütterung
zum Ausdruck, die nach dem Tode Gottes den Untergang aller Wahrheit mit sich
brachte:
„Was haben wir gemacht? … Was war das für ein Schwamm, mit dem wir den ganzen Horizont um
uns auslöschten? Wie brachten wir dies zu Stande, diese ewige feste Linie wegzuwischen, auf die
bisher alle Linien und Maße sich zurückbezogen …? Haben wir nicht … alle Schwerkraft verloren,
weil es für uns kein Oben, kein Unten mehr gibt?“5
In diesem Sinne ist jeder einzelne Mensch zu Gott geworden, denn fortan ist es
seine individuelle Intelligenz, die der Welt Sinn und Ordnung, ein „oben“ und ein
„unten“ verleiht. Anders ausgedrückt: „Ohne Gott ist die Wahrheit nicht mehr
göttlich, die Vorstellung dass es eine wahre Welt hinter der Vielzahl unserer
subjektiven Vorstellungen gebe, obsolet. Es gibt keine absolute Wahrheit mehr, nur
noch unsere nützlichen Fiktionen.“6
Astrologie ist eine solche nützliche Fiktion, eine „künstlerische Schöpfung“, ein
„ästhetisches Phänomen“. Was dem Menschen nach dem Tode Gottes bleibt, ist
zwar einerseits „das lähmende Gefühl, dass alles sinnlos ist“, auf der anderen Seite
jedoch die Chance, fortan „statt Sinn in den Dingen zu suchen, … ihnen … selbst
Sinn [zu] verleihen“, statt „nur festzustellen, was ist, … bewusst fest[zu]setzen, was
sein soll.“
Und so müssen wir in der Folge die Verkürzung des hermetischen Grundaxioms
aller Astrologie in ein „Wie oben – so unten“ missbilligen, denn es suggeriert
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weiterhin den Fortbestand der Mär von der allmächtigen, sinnspendenden
apriorischen Ordnung der Himmel.
Aber selbst der „dreimal-große“ Hermes wusste es besser, denn der Satz lautet in
seiner Vollständigkeit:
Alles, was unten ist, gleicht dem, was oben ist,
und alles was oben ist, gleicht dem, was unten ist,
damit sich das Wunder des Ureinen vollziehe.
Und damit drückt er aus, dass wir noch nie von einer einseitigen Richtung hätten
ausgehen dürfen: Es handelt sich vielmehr um eine ouroborische Interaktion
zwischen Oben und Unten, die besagt, dass ohne die Intelligenz des Menschen
unten es keine Intelligenz oben geben kann.
Es ist der kognitive Organismus Mensch, der „die Beschaffenheit der
Regelmäßigkeiten in seiner Erlebniswelt findet oder, besser gesagt, hervorbringt.“7
Erkenntnissuche in der Astrologie beginnt nicht bei Gott oder anderen
metaphysischen Kategorien, sondern bei uns selbst, bei der Intelligenz, die
Wirklichkeit organisiert, indem sie sich selbst organisiert,8 um daraus eine
einigermaßen dauerhafte und regelmäßige Welt zu konstruieren, die Ordnung und
Sicherheit zu Gewähr leisten vermag.
Mythen, nach denen wir leben
Die Astrologie hat sich zum Ziel gemacht, über die Analogie zum geordneten Ablauf
der Gestirne eine Empfindung von Ordnung im menschlichen Chaos zu
ermöglichen. Aber: Wie brauchbar sind die Kategorien, mit denen sie dies zu
bewerkstelligen versucht, insbesondere wenn diese apriorischen Charakters sind,
wo doch nichts mehr von sich Anspruch nehmen darf, Beständigkeit und Fortdauer
zu garantieren?
Eine einfache Antwort gibt von Glasersfeld:
„Ganz allgemein betrachtet, ist unser Wissen brauchbar …, wenn es der Erfahrungswelt standhält
und uns befähigt, Vorhersagen zu machen und gewisse Phänomene … zu bewerkstelligen oder zu
verhindern. Wenn es diesen Dienst nicht erweist, wird es fragwürdig ….“9
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Die Frage also lautet: Erweist uns eine Astrologie, die vorgibt, aus metaphysischen
Quellen ihre Wahrheiten zu beziehen, noch diesen Dienst? Oder ist sie einfach
„obsolet“ … Konkret: Das Versprechen des Horoskopes ist das Versprechen nach
Empfindung von Ordnung im Chaos, nach der Entwirrung des Verworrenen. Was
bringt es mir als BetrachterIn des Horoskopes eigentlich noch, wenn man mir zu
verstehen gibt, dass hier Kräfte jenseits des menschlichen Verstandes wirken?
Nach dem Zusammenbruch all jener Instanzen, die für die Aufrechterhaltung der
Einheitlichkeit aller Wahrheit zuständig waren, wie z.B. der Kirche, ist das Metareich
des Mystischen zum Tummelplatz aller erdenklichen Privat-Ideologien geworden.
Aus dem Sammelsurium von Mythen und Symbolen kann sich jetzt jede/r die
Rosinen rauspicken, für die er/sie die meiste Abnehmerschaft zu finden glaubt.
Sinn-Suche statt Sinn-Schöpfung: Das Zersplittern der einen Wahrheit in viele
Scherben gleichwertiger Optionen kann eben nicht nur als Chance, sondern auch
als Bedrohung des Menschlichen empfunden werden, was atavistischen
Einstellungen Zuspruch und Gefolgschaft verspricht.
Dane Rudhyar äußerte einmal den Verdacht, dass Astrologie „für Verwirrung und
für die Ausbreitung dogmatisch ausgedrückter Meinungen ein besonders
fruchtbares Gebiet“ sei und führt dies darauf zurück, dass Astrologie „als ein fest
umrahmtes und auf sich selbst bezogenes Gebiet …, eine mysteriöse
‘Wissenschaft’, die eine verwirrende Terminologie verwendet, unverändert seit
uralten chaldäischen Zeiten und angeblich immer noch gültig“10 angesehen wird.
Die Quelle astrologischer Erkenntnis wird zweckmäßig in eine astrale Überwelt
verschoben, sodass sie immer noch Zufluchtsort für all die verlorenen Geister sein
darf, die in ihr die Rettung vor der großen Welle der „Sinnleere“ suchen. Dort
thronen die Mythen, Gewissheit orakelnd, dass schon alles seine Ordnung im
Großen Ganzen Ewigen Einen habe.
Wir brauchen diese Mythen ohne Zweifel, denn sie organisieren unser Leben, doch
müssen sie als „Mythen, nach denen wir leben“ (Joseph Campbell) erkannt werden:
Auf ihnen baut sich das Selbstverständnis einer Kultur auf, und sie bilden so das
Fundament für die Paradigmen menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns. Es
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ist deshalb unumgänglich zu begreifen, dass Mythologie etwas durchwegs
Menschliches ist und den Auftrag hat, uns temporär mit den notwendigen
Wertvorstellungen zu versorgen, die eine Kommunikation zwischen den Mitgliedern
einer Kultur ermöglichen. Mit dem Voranschreiten der Zivilisation verändern sich
jedoch die Mythologien mit den Menschen, die sie hervorbringen, je nach Zeit und
Raum beantworten sie die „fundamentalen Fragen hinsichtlich unseres Ursprungs,
unseres Lebens und unseres Schicksals“11.
Die „Wahrheit“ der Mythen erhält in diesem Zusammenhang einen temporären und
lokalen Aspekt und wäre besser mit Validität von Handlungen und Gedanken
gleichzusetzen.12 Keinesfalls mehr können sie zur Rechtfertigung der
Allgemeingültigkeit einer astrologischen Doktrin benutzt werden. Dies ist der Grund
für jene „großen Verwirrung“ in der Astrologie, von der Rudhyar spricht, wenn „der
gegenwärtige Bewusstseinsstand auf den Geist und die Gefühle von Menschen
archaischer Zeiten und anderer Rassen projiziert wird.“
Rudhyar erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass
„das bedeutet, die Basisfunktion der Astrologie für große Zeiträume aus den Augen zu verlieren. Die
Basisfunktion, die darin besteht, den Menschen einen Sinn für Ordnung und eine harmonische,
rhythmische Entfaltung zu geben – nicht den Menschen, wie sie im alten Ägypten oder in China
waren, sondern wie sie heute sind, mit all ihren emotionalen, mentalen und sozialen Problemen.“13
Raum zum Nachdenken
Aber: Wie sind die Menschen heute? Es wurde und wird viel im Zusammenhang mit
der Gegenwart von „Postmoderne“ gesprochen, um den Kontext zu beschreiben, in
dem sich der heutige Mensch zu befinden scheint. Hier ist mit Sicherheit nicht der
Ort, umfassend auf diesen Begriff einzugehen, zumal sich zahllose
Missverständnisse um ihn ranken. Doch wenn wir der Forderung Rudhyars
nachgehen wollen, nach der es „ziemlich sinnlos (ist), die Astrologie vom jeweiligen
Zustand der Kultur und der Gesellschaft, in der der Astrologe lebt …, trennen zu
wollen“14, kommt man nicht umhin, seine Gedanken auch auf diesen Begriff
auszuweiten.
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Man könnte „Postmoderne“ als Grundverfassung „radikaler Pluralität“ verstehen,
radikal deshalb, weil sie die Wurzeln unserer Wirklichkeitsauffassungen angreift.
Diese „radikale Pluralität“ ist in der Postmoderne zur gesellschaftlichen Realität
gelangt – und zwar als „positive Vision“, die „von wirklicher Demokratie untrennbar“
ist. 15
Wolfgang Welsch beschreibt die Grunderfahrung der Postmoderne wie folgt:
„dass ein und derselbe Sachverhalt in einer anderen Sichtweise sich völlig anders darstellen kann
und dass diese andere Sichtweise doch ihrerseits keineswegs weniger ‘Licht’ besitzt als die Erstere
– nur ein anderes. Licht, so erfährt man dabei, ist immer Eigenlicht. Das alte Sonnen-Modell – die
eine Sonne für alles und über allem – gilt nicht mehr, es hat sich als unzutreffend erwiesen.“16
Der Plural dominiert den Zeitgeist: Nicht Wahrheit, sondern Wahrheiten, nicht
Gültigkeit, sondern Gültigkeiten. Dabei ist ihr Antrieb nicht in einem „billigen
Relativismus“ zu sehen, sondern aus der geschichtlichen Erkenntnis des Rechts auf
Verschiedenheit und Vielheit, dem ihr Plädoyer gilt. Damit wendet sie sich gegen
das Einzige und ergreift Partei für das Viele, sie ist eine „anti-totalitäre Option“. 17
In diesem Sinne muss Astrologie für den kritischen Betrachter einen totalitären
Anspruch haben, als ob sie sich durch ihre Rückgriffe auf Mythologien vor dem
Plural zu schützen hätte. Aber kann es nicht auch sein, dass Konzepte der Vielheit
Astrologie bereichern und sie immer bessere Antworten auf unsere heutige Zeit
finden lassen?
Die Tragik besteht darin, dass die Maximierung von Unsicherheit im Empfinden der
Menschen konterkarierende Gegenströmungen auf den Plan ruft, die bemüht sind,
„vormoderne Modelle der Gesellschaftlichkeit zu revitalisieren oder am Leben zu
erhalten“18, also Mythologien, die Ordnung und Gewissheit wenn nicht auf Erden, so
doch in einer spirituellen Überwirklichkeit, versprechen.
Jede Krise aber, auch diejenige, welche sich auf ganze Kulturen erstreckt,
beinhaltet Chance wie Bedrohung – es kommt nur darauf an, wofür man sich
entscheidet. Jean-François Lyotard, wohl mit der bedeutendste Denker der
Postmoderne, hat im Gegenzug zur passiven Einstellung einer angenommenen
Bedrohung durch eine radikale Pluralität stets versucht, den möglichen Sinn der
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Postmoderne darin zu sehen, einen „Raum für neuartige, andere, von den
herrschenden Mustern ... abweichende Überlegungen“19 zu schaffen, einen „Raum
zum Nachdenken“.
„Raum zum Nachdenken“: Das heißt nicht, ein Weltbild durch ein nächstes
abzulösen, Ideologie auf Ideologie zu häufen. Es heißt, Umdenken ermöglichen,
Widersprüche sichtbar zu machen, ohne sie im gleichen Atemzug aus der Welt
schaffen zu müssen. Es heißt Fragen zu stellen, ohne sie unmittelbar und endgültig
beantworten zu müssen, Erfahrungen zu machen, ohne sie gleich kategorisieren zu
wollen.
Diesen Raum sollte sich auch die Astrologie gewähren, indem sie erlaubt, die
Mythologien ihrer eigenen Zunft zu hinterfragen und gegebenenfalls im Zuge
nachweislicher Unbrauchbarkeit über Bord zu werfen, so immer während ihre
Gültigkeit, so ehrwürdig ihre Tradition bislang erschienen haben mag. Das Subjekt
hat Gott als Rechtfertigungsinstanz und letzte Referenz abgelöst: unter diesen
Voraussetzungen kann getrost mit der Dekonstruktion des astrologischen
Weltbildes begonnen werden, – nicht ohne zuvor einen kritischen Blick auf die
Mechanismen zu werfen, die Astrologie bislang zusammengehalten haben.
Nomen est Omen
Beispielhaft sei an dieser Stelle anhand der „Entdeckung“ neuer Horoskopfaktoren
vorgeführt, wie Phänomene der Ordnung „oben“ zu Phänomenen der Ordnung
„unten“ konstruiert werden – ein schier unerschöpfliches Gebiet, wenn man
bedenkt, wie sich durch den Fortschritt astrophysikalischer Technologien unser Bild
vom Aufbau unseres Sonnensystems in atemberaubender Geschwindigkeit
verändert und ergänzt.
In der Regel wartet man darauf, bis sich die Astronomie für irgendeinen Namen
entscheidet, der traditionsgemäß der griechisch-römischen Mythologie entnommen
wird – sofern der Himmelskörper in den Augen der Wissenschaftler Bedeutsamkeit
genug für diese Taufe besitzt. Von diesem Moment an gehört er der Astrologie, die
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ihm flugs Sinn und Bedeutung verleiht. Zu jedem Namen wird ein Mythos
ausgegraben, der solange gestreckt und verdünnt wird, bis er genau die Kriterien
enthüllt, etwas Neues unter allen bislang bekannten Horoskopfaktoren darzustellen.
Schließlich werden die oftmals auf rein privater Assoziation basierenden
Korrespondenzen zu einem „archetypischen“ Prinzip stilisiert, welches zugleich mit
dem neuen astronomischen Faktor am Horizont des menschlichen Bewusstseins
aufgegangen sein soll.
Dem astrologischen Kanon wurde damit zu einer weiteren Schablone verholfen,
hinter der allerdings nur allzu oft irgendein Favorit des Zeitgeistes lauert, sei es die
„Wiederentdeckung“ des „Urweiblichen“ oder das Versprechen endlich noch tiefer
in die düsteren Katakomben des eigenen Seelenlabyrinthes hinabzutauchen – je
nachdem, was gerade am „lohnendsten“ erscheint.
Wo liegt der Fehler, wird man fragen: Ist es nicht so, dass sich die Inhalte all der
anderen Planeten auch in ihren Namen widerspiegeln und von diesen abgeleitet
werden können? Nur: Hier ist der Vorgang ein anderer gewesen, ein
entgegengesetzter: Nicht der Name des Planeten war zuerst da, von dem nun
angenommen werden muss, dass er auf geheimnisvolle Art und Weise
ausgerechnet dem wissenschaftlich orientierten Astronomen zur rechten Zeit ins
Ohr geflüstert wurde, sondern der Inhalt, das ihm zugeordnete Prinzip. Erst später
erhielten die Wandelsterne eine Bezeichnung, und zwar je nach dem kulturellen
Kontext, aus dem heraus man sie betrachtete.
So kommt es z.B., dass Venus, die bei den Griechen aller Wahrscheinlichkeit
deshalb ihren Namen bekam, weil sie als hellster und strahlendster Planet das
griechische Ideal von Schönheit am ehesten verkörperte, bei den alten Ägyptern
Osiris hieß, ein männlicher Gott also, mithin eine Entsprechung etwa dessen, was
die Griechen einen Göttervater genannt hätten, der in der griechischen Astrologie
wiederum einem Planeten zugeordnet wurde, den die Ägypter gar nicht als Gottheit
betrachteten.20 Ähnliche Bedeutungsverschiebungen der Planetenprinzipien –
Knappich nennt sie „Zeitkleider“21 – lassen sich für nahezu alle Wandelsterne durch
den geschichtlichen Werdegang der Kulturen finden – man denke nur an das
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„Mysterium“, dass der Mond sich in einigen, und zwar nicht gerade wenigen,
Kulturen anmaßt, männlichen Geschlechts zu sein, was Stilblüten treibt wie die
Umbennenung in „Mondin“ u. Ä.. Übrigens ein Paradebeispiel für den totalitären
Anspruch, den AstrologInnen gerne ihrer Zunft zumuten, die sich gegen eine
Pluralität von Mythologien wehren zu müssen glauben: da liegt dann wohl eher eine
„merkwürdige Verwechslung oder Verdrehung“ vor …
Auf einen Nenner gebracht: Die Anschauung des betreffenden Planetarprinzipes,
seine Besonderheiten in der Laufbahn, seine Gestalt, seine Farbe führten zur
Namensgebung und dann erst zur Anknüpfung des entprechenden Mythos, jeweils
verquickt mit dem kulturellen Stellenwert, den man dem Planeten zubilligte.
Ohne näher auf die sich hieraus ergebende Problematik für Neptun, Uranus und
Pluto einzugehen, soll damit gesagt werden: Die Ableitung einer wie auch immer
gearteten Interpretation eines „neuen“ Horoskopfaktors allein aus dem Gutdünken
der Namensstiftung, entspricht in keinster Weise wirklich astrologischem Denken,
dem die Betrachtung und die Anschauung vorangeht und nicht der Begriff selbst.
Nahezu unhaltbar wird das Ganze, wenn es mit „Archetypischem“ in Verbindung
gebracht wird, da so keine Chance mehr besteht, sich aus kritischer Distanz mit den
neuen Erkenntnissen auseinanderzusetzen, die sich so dem Zugriff unserer
Vernunft entziehen.
Von der Buchhaltung des Unbewussten …
Nach dem Tode Gottes gelang es Gott-sei-Dank recht schnell einen Ersatzmythos
zu annektieren, der den Vorteil hatte, keinen religiösen Anstrich mehr zu besitzen,
sondern sich auch noch auf Grund seiner wissenschaftlichen Provenienz
gewissermaßen „objektiv“ gerierte: die Jungsche Archetypenlehre. Seither ist fast
keine astrologische Publikation mehr denkbar, die nicht auf irgendeine Art und
Weise die „Wahrheit“ ihrer Erkenntnis auf das Wollen und Walten von Archetypen
zurückführen darf.
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11
Dass es sich hier lediglich um einen weiteren Super-Mythos, eine Meta-Erzählung
handelt, unter den sich die Summe astrologischer Erkenntnisse zu einem
systematischen Ganzen hinformuliert werden soll, ist leicht darzustellen.
Archetypen können per definitionem nicht von uns beherrscht werden, sie gleichen
eher einem Verhängnis, mit ihrer Hilfe hat sich Astrologie nie wirklich vom
Gedanken der Schicksalshaftigkeit gelöst. Das Unbewusste fungiert hier als ein
biologisch einheitlich organisiertes Reservat, in dem Symbole als raum- und
zeitübergreifende Realia abgelegt sind, wie in einem Archiv, einem Museum der
Universalien der menschlichen Kollektivseele. Die Jungsche Wissenschaft des
Unbewussten „lässt sich angemessen beschreiben … als Buchhaltung der
poetischen und mythologischen Urbilder“22, die unsere Existenz abseits jeglicher
denkbarer Einflussnahme des Individuums vorwegnehmen. Oder wie Jung selbst
sagt:
„Vom Unbewussten gehen determinierende Wirkungen aus, welche, unabhängig von Übermittlung,
in jedem einzelnen Individuum Ähnlichkeit, ja sogar Gleichheit der Erfahrung sowohl wie der
imaginativen Gestaltung Gewähr leisten. Einer der Hauptbeweise hierfür ist der sozusagen
universale Parallelismus mythologischer Motive …“23
Aber „jeder Glaube verschafft sich seine Wunder, und jeder Gläubige tritt ein in die
Zeugenschaft der mirakulösen Glossolalie, das fremde Gestammel für eigenes
haltend“, was bezogen auf die Vorgehensweise Jungs heißt, dass dessen
Beweisversuche und Dokumentationen in der psychoanalytischen Praxis, die
zeigen sollten, „dass seine Patienten spontan, in seelischer Tätigkeit eigener
Ordnung, die Symbole des kollektiven archaischen Unbewussten zu produzieren
vermochten“, letztlich „nur tiefer in die Labyrinthe theoretischer Verblendung“
führen: „Solche Zeugnisse haben den gleichen Beweiswert wie das Protokoll einer
spiritistischen Sitzung.“24
So hart man hier auch mit Jung in diesem einen Aspekt ins Gericht geht, was um
keinen Preis den Gesamtverdienst dieses genialen Denkers für die Zeitgeschichte
schmälern soll: es bleibt die hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Archetypenlehre zu
guter Letzt nichts weiter bleibt als „die raunende mythologische Zeugenschaft eines
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eindrucksvollen wissenschaftlichen Irrtums“25, innerhalb dessen Jung der
Täuschung seiner eigenen Projektionen erlag.
… zur Anarchie des Sprechens
Mit der Rücknahme der Archetypen aus dem astrologischen Repertoire fiele diese
letzte Bastion der Schicksalsgläubigkeit und es öffnete sich ein ganz anderer
Zugang zum Mythos schlechthin, der auf der fundamentalen Tatsache basiert, dass
eine Wahrheit oder Authentizität von Erfahrungen nur im Rahmen der Beziehungen
begriffen werden kann, in der sie entstehen. Diese wiederum erwachsen aus dem
ununterbrochenen Adaptionsprozess des heranwachsenden Menschen in seine
kulturelle Identität als sprechendes Mitglied einer Bezugsgruppe mit einer
etablierten Symbolordnung.
Das Unbewusste kennt nur ein einziges Gesetz: seine unendliche Entzugstendenz.
Es lässt sich nicht festsetzen in einer „musealen Bilderwelt, in der Götter, Gott, die
Religion“ eine archetypische Ordnung konstituieren. Erst die Sprache macht den
Mythos zum Mythos (gr. „Wort, Rede, Erzählung“), und als solcher ist er an die
Fähigkeit des Menschen gebunden, sich Wirklichkeiten zu erschaffen, die erst im
Moment ihrer Schöpfung Praktikabilität erlangen, nicht vorher und a priori.
Wenn wir Abstand nehmen von der Sklerotisierung des Unbewussten als Katalog
der Symbolsprache und uns erneut auf die „anarchische Bewegung des Sprechens“
konzentrieren, bei der der Mensch als Autor seiner Mythen wieder eingesetzt wird
und nicht zur Marionette einer absoluten Organisation der Seele oder gar Gottes
degradiert wird, können wir in der Astrologie wieder an dem erzählerischen
Reichtum und an der ästhetischen Faszination des Mythischen teilhaben, uns
erneut inspirieren lassen von der Qualität des Allegorischen – und zwar ohne den
Mief des unentrinnbar Fatalistischen. Dies bedeutet den Mythos nicht zum Dogma
sondern zur Sprache zu erheben, deren Kraft darin begründet liegt, das
Unbekannte „anders“ zu „reden“ (vgl. Allegorie von gr. allos-agoreinein: „andersreden“),
fernab jeglichen Versuches, damit Realia und Dogmen je nach gusto in die
menschliche Psyche zu implantieren.
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13
AstrologInnen selbst werden ihre Rolle im gleichen Zuge anders wahrnehmen
können: sie werden sich nicht mehr dahingehend verleiten lassen, sich als kraft
ihrer Intuitionsfähigkeit selbst eingesetzte Haruspices zu betrachten, welche
astrologische Zeichen als Sprache der Wahrheit entziffern, indem sie mit
mantischer Gebärde an den Ufern des Mare Jungianum Archetypen zu einem
Verstehensganzen bündeln. AstrologInnen werden sich künftig bemühen müssen,
für jede/n Einzelne/n eine eigene Sprache zu finden, einen eigenen Mythos zu
entwickeln, eine eigene Sonne mit eigenem Licht, das in sich die Antworten auf die
eigenen Fragen beherbergt. Zugleich heißt dies gewahr sein, dass Astrologie als
„nützliche Fiktion“ lediglich kulturelle Parameter widerspiegeln kann und nur
insofern zu ähnlichen Erfahrungen in ein und demselben Kulturkreis führen wird.
Damit steht die dringende Herausforderung, sich stets am Puls der Zeit zu
bewegen, um die Symbole an entsprechende Paradigmenwechsel anzupassen.
Das Horoskop wird so gesehen zu einem Instrument der Sinn-Schöpfung und nicht
mehr der verkrampften Sinn-Suche, die nicht selten unter der Regie des
Archetypischen in eine Strategie der Entschuldigung für das So-und-Nicht-Anders
mündet. Die Frage, die wir an die Astrologie stellen lautet dann nicht mehr: „Was ist
der Sinn der Dinge?“, sondern „Welchen Sinn kann ich den Dingen verleihen?“ Statt
also alles Leben auf vordefinierte Schemata zu reduzieren, beginnen wir dem
Leben wieder Vielfalt und Möglichkeiten einzuräumen, um Platz für angemessene
Antworten unter sich ständig verändernden Bedingungen zu erzeugen.
Nach all den Strangulierungen durch den Jungschen Psychologos, abseits des
„Präjudiz des Menschseins“, dem keiner entgeht26, kann so gezeigt werden, dass
Astrologie wohl in der Lage ist als „anti-totalitäre Option“ in der Postmoderne zu
bestehen.
Astrologie nach dem Tode Gottes heißt, Astrologie nicht mehr als Super-Mythos
funktionieren zu lassen, der alle Mythen unter sich vereint. Es heißt erkennen, dass
sie selbst ein Mythos – eine Erzählung ist: Und in meinen Augen mit eine der
nützlichsten – und zweifellos schönsten.
© 2002 Christopher A. Weidner
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Fußnoten
1zit. nach Lionel, Frédéric, Die heilige Astrologie. Freiburg im Breisgau 1987; S.46
2vgl. von Glasersfeld, Ernst, Einführung in den radikalen Konstruktivismus. In:
Watzlawick, Paul (Hg.), Die erfundene Wirklichkeit. München 1994; S.21
3Watzlawik, Paul, Bausteine ideologischer »Wirklichkeiten«. In: Watzlawick, Paul
(Hg.), Die erfundene Wirklichkeit. München 1994; S.195
4zit. nach Weischedel, Wilhelm, Die philosophische Hintertreppe. München 1975;
S.262
5zit. nach Ross, Werner, Der Ängstliche Adler. Stuttgart 1980; S.584
6Roth, Florian, Dr., Politik nach dem Tode Gottes. Thesenpapier zu dem
gleichnamigen Vortrag gehalten im Oktober 1996 in München.
7von Glasersfeld, Ernst a.a.O.; S.31
8ebd. S.23
9ebd. S.22f
10Rudhyar, Dane, Das astrologische Häusersystem. Reinbek bei Hamburg 1992;
S.10
11Highwater, James, Sexualität und Mythologie. Olten 1992; S.21
12vgl. Rudhyar, a.a.O.
13ebd.
14ebd.
15Welsch, Wolfgang, Unsere postmoderne Moderne. Berlin 1993; S.4.
16ebd.
17ebd.
© 2002 Christopher A. Weidner
15
18Engelmann, Peter in: Postmoderne und Dekonstruktion. Stuttgart 1990; S.9
19ebd. S.12
20Budge, E.A. Wallis, The Gods of the Egyptians. New York 1969. Vol 2 S. 302f.
21Knappich, Wilhelm, Geschichte der Astrologie. Frankfurt am Main 1988; S.5
22Schneider, Manfred, Über den Grund des Vergnügens an neurotischen
Gegenständen. In: Bohrer, Karl Heinz (Hrsg.), Mythos und Moderne. Frankfurt/Main
1983. S.210.
23Jung, C.G., G.W. VIII/I. S.73
24Schneider, Manfred a.a.O.; S.210
25ebd.
26Jung, C.G., G.W. VII/I S.78


